MenscHHen #2: Der König von Ottensen

Samstag. Spätabends. Der öffentliche Raum in Hamburg friert unter Eis, das sich immer weiter ausbreitet und die Straßen und Gehwege kristallig funkeln lässt. Es ist glatt. Und es wird glatter. Mein geliebter Elbläufer und ich schliddern von Hopper Bräu gen kuscheliges Sofa durch die schimmernden Straßen von Bahrenfeld und dann Ottensen. Mal können wir gehen, ab und zu rutschen wir einfach ein Stück. So, wie es alle Fußgänger um uns herum halt auch machen.

Nach ein paar Minuten erreichen wir die Bahrenfelder Straße. Auf Höhe der 250er-Hausnummern, so schräg gegenüber vom Mayday, ist der Fußweg besonders glatt. Die Straßenlaternen spiegeln sich auf dem Boden. Ich rutsche etwas ratlos voran, gucke nach vorne, sehe etwa zwanzig Meter entfernt einen mittelalten Herren, der elegant mit seinen Füßen über den Boden gleitet. „Vorsicht! Hier ist es ganz doll glatt!“, ruft er uns entgegen. „Am besten, ihr haltet euch hier an dem Metallzaun fest“, ergänzt er und rudert mit den Armen in Richtung Zaun, den ich in diesem Moment auch schon tapsig erreiche.

„So ist es gut.“ Der Mann strahlt uns an. „Weil … mir gehört nämlich ganz Ottensen. Und ich möchte nicht, dass ihr hinfallt.“ Nein, der Mann war nicht verrückt, denn nach seinem Statement musste er lachen. Wir natürlich auch. Und trotzdem. Da war jemand, der sich um Fremde gesorgt hat. Einfach so. Weil es die Situation gerade hergab. Wie warm das Herz in diesem Moment doch wird.

Besitzer oder Eigentümer klingt im Zusammenhang, dass diesem Herren ganz Ottensen gehört, irgendwie kalt und kapitalistisch. Da nenne ich ihn doch lieber den König von Ottensen. Denn in diesem Märchenreich namens Hamburg kümmert sich der König noch um seine Untertanen, sorgt sich um ihr Wohlergehen. So wie es eben dieser Mann getan hat, der zumindest genau in diesem verzauberten Moment während einer eisigen Nacht genau das war: der König von Ottensen. Wir brauchen einfach mehr Könige.

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7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anne sagt:

    Du begegnest immer so wundervollen Leuten! Ich liebe Deine kleinen Geschichten! Mehr davon bitte! ❤

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    1. Elbgängerin sagt:

      Keine Bange, es gibt viele so kleine Geschichten. Ich gucke mir halt auch gerne Menschen an, trete dann auch mal gerne irgendwie mit ihnen Kontakt. Da ergibt es sich, dass man viele Details erkennt, die einem das Herz aufgehen lassen. Diesen Menschen möchte ich hier eindeutig mehr Raum geben. Es werden also noch viele Geschichte folgen. 😉

      Gefällt 2 Personen

      1. Anne sagt:

        Das ist schön, ich bin gespannt! 🙂

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      2. Elbgängerin sagt:

        Und ich freue mich, dass diese kleinen Begebenheiten so gut ankommen. 😊

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