Meditation über einen verlorenen Handschuh

Aufrecht hängst du da, trotzt dem traurigen Anblick deiner Artgenossen. Normalerweise liegt so etwas wie du einsam und verlassen und vergessen da. An Straßenrändern. In Pfützen. Oder in Hauseingängen. Ohne euren Zwilling seht ihr doppelt verloren aus. Wie schlimm muss es sein, einfach so abhanden zu kommen oder vergessen zu werden! Fallen gelassen im schmutzigen Leben, der menschlichen Heimat für immer beraubt. Denn wer sucht schon in selbst größter Kältenot einen verloren gegangen Handschuh im Lebensdreck der Straßen?

Du weißt, dass dein Schicksal endgültig ist. Jetzt gibt es nur noch dich und die Großstadt. Ein Kampf um Wolle und Sauberkeit. Und du wirst ihn verlieren. Doch du bist ein bockiger Held, willst nicht ohne Trotz und auch nichtleise untergehen. Und deswegen hängst du da, mitten im Gestrüpp an der Straße in Bahrenfeld. Und reckst jedem Passanten, der an dir vorbeigeht, ohne dich mitleidig zu adoptieren, den Mittelfinger entgegen.

Ja, du bist ein Handschuh dieses Stadtteils. Du lässt es dir nicht einfach gefallen, dass man keine Verwendung mehr für dich hat. Durch deine Handlung machst du dich selbst wichtig und bedeutsam. Und sei es auch nur für einen Tag. Vielleicht bist du jetzt schon nicht mehr, du lieber blauer Strickhandschuh mit den drei weißen Fingerkuppen. Aber dein Mahnmal wird in Erinnerung bleiben. Du warst der Held für einen Tag.

Deinem Besitzer magst du nicht wichtig genug gewesen sein. Vielleicht, weil es nicht kalt genug war. Oder weil du nicht genug geliebt wurdest. Aber du hast Herzen berührt mit deiner Geste, hast Fantasien angeregt und Menschen ein trauriges Lächeln ins Gesicht gezaubert. Dank deines Statements war dein wollenes Handschuhleben nicht vertan. Du wurdest der Aufgabe beraubt, eine Hand schützend zu wärmen, doch du hast eine neue Mission für dich gefunden. Als trotziges Mahnmal wider dem Vergessen. Du selbst magst längst vergangenen sein. Aber dein Statement bleibt. Danke, lieber Handschuh.

Advertisements

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Eine schöne Hommage an den einsamen Handschuh:-). Das Foto ist lustig dazu. Liebe Grüße Andrea

    Gefällt 1 Person

    1. Elbgängerin sagt:

      Das ist der besungene Handschuh. Der hing da so schön im Gebüsch rum und hat mich mächtig inspiriert. Schön, dass er jetzt auch dir in Erinnerung bleiben wird, liebe Andrea. ☺ Herzlich Nicole

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s