Ottensen bleibt dreckig. Und bunt.

Seit geraumer Zeit ist Ottensen ein Stadtteil, der schick und hip und in ist. Multikulti und linke Szene findet man hier zwar immer noch, aber immer größere Lebensbereiche werden inzwischen von den Trendsettern und den Yuppies erobert. Für viele unpolitische und konsumorientierte Menschen ist es inzwischen schick, in Ottensen zu leben. Das Viertel hat ja so viel Flair und Ausstrahlung. Gut, es ist ein wenig heruntergekommen, aber dagegen kann man ja etwas machen. Das zumindest denken sich seit Monaten viele Hauseigentümer, die für teuer Geld Wohnungen und Geschäfte sanieren oder modernisieren und dann für noch teureres Geld neu vermieten oder verpachten. Oder aber vielleicht den Altbau doch gleich mal komplett abreißen und so ein tolles und geschniegeltes Neubaudingsbums hinbauen. Passt ja eh viel besser zum neuen Wohnklientel.

Die Folge: alteingesessene Menschen können sich die Mieten nicht mehr leisten und müssen wegziehen. Läden, die es schon seit vielen Jahren gibt, müssen schließen, weil sie sich die Pacht nicht mehr leisten können. Und so verändert sich das Gesicht von Ottensen immer mehr, wird glatter, gefälliger, bequemer. Mainstream droht sich auszubreiten. Kurzum: die Gentrifizierung hält das Viertel in Atem. Über dieses Problem gedenke ich jetzt keinen Roman zu schreiben, denn es ist ja ein allgemeines Phänomen, das nicht erst von den Hipstern erfunden wurde, die jetzt Ottensen für sich entdecken. Worauf ich aber eingehen möchte, ist das, was hier der Gentrifizierung entgegen gehalten wird.

Vor einem knappen Jahr wurden auffällig viele Häuserfassaden neu gestrichen. Weg mit dem Straßendreck, weg mit den Graffiti und der restlichen Streetart an den Wohnungswänden. Wenigstens von außen sollte fortan alles schön sauber aussehen. Dachten sich wohl die Besitzer. Ätsch, ihr könnt uns mal. Dachte sich wohl die Szene. Denn seitdem ist das hier immer häufiger überall auf Wänden zu lesen:

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Besonders hübsch und kreativ ist auch diese Abwandlung hier:

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Auch ansonsten ist die Aktion von einem sauberen Ottensen prächtig gescheitert. Es mag ja sein, dass sich das Viertel wandelt, dass sich die linksalternative Szene damit abfinden muss, wenn die neuen Nachbarn eben doch dem Konsum frönen. Und dass man sich irgendwie miteinander arrangieren muss. Aber den Dreck, das Bunte, die Vielfalt kriegt man eben doch nicht so schnell aus Ottensen rausgespült. Das ist zumindest meine Hoffnung. Und ganz soooo unbegründet ist sie nicht, denn wenn ich hier durch die Straßen laufe, sehe ich fast täglich neue Motive an den Wänden. Manche sind einfach nur schön oder lustig, aber viele sind eben auch unbequem und kritisch, benennen Probleme, mahnen die Gesellschaft. Die Straßenkunst hier ist so bunt und vielfältig wie das Viertel selbst. Hier einfach mal ein paar Impressionen:

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Und die hier gezeigten Bilder sind wirklich nur ein ganz, ganz kleiner Ausschnitt von dem, was man in Ottensen hauswandtechnisch auf die Augen und aufs Gemüt bekommt. Vielfalt pur eben. Aber das Beste: wird mal wieder ein Streetart-Hotspot durch triste weiße oder graue Farbe ruiniert, dann dauert es nicht lange und die Fassaden werden wieder verschönert. Ich habe ja schon munkeln hören, dass sich einige Yuppies mächtig daran stören. Liebe Hipster, wenn ich euch die traditionelle Optik von Ottensen nicht zusagt, dann wohnt ihr vielleicht im falschen Viertel. Denkt mal drüber nach. 😉

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18 Kommentare Gib deinen ab

    1. Elbgängerin sagt:

      Und wie! Ich verliebe mich hier jeden Tag ein Stückchen mehr in die bunten Straßen. ❤

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  1. inside ottensen sagt:

    Einfach nur Hoffnung haben, reicht nicht.
    Einmischen, engagieren, ungemütlich und kritisch sein ist gefragt.
    Die Parolen des Roten Aufbau Hamburgs sind in ihrer Klarheit und Hässlichkeit außerdem nicht in einen Topf zu werfen mit der anderen schönen und bunten Gefall-Streetart wie z.B. von Zipper, Rebelzer, Holzweg etc.
    Die Gentrifizierung von Ottensen ist nahezu abgeschlossen. Das war auch das Fazit der Bürgerbefragung im Jahr 2015 https://soundcloud.com/stadtteilblog/auswertung-ottensen-forschungsburo-kirchhoff-jacobs
    Die soziale Bindung vieler Wohnblöcke z.B. am Kemal-Altun-Platz laufen in diesen Jahren nach 30-35 Jahren aus. Niemand schert sich darum, dass damit viele Geringverdiener das Viertel in den nächsten Jahren verlassen werden und es somit eine nochmalige gravierende Veränderung in der Bevölkerungsstruktur geben wird.
    Nur hoffen reicht nicht. Wenn man sich für das Viertel interessiert, was nichts anderes heißt als sich solidarisch zu zeigen, heißt es Position einnehmen und etwas tun.

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    1. Elbgängerin sagt:

      Keine Bange, nur hoffen mache ich nicht. 😉 Schließich habe ich die Gentrifizierung vor gut drei Jahren am eigenen Leib erfahren müssen. Damals ist die Hauptmieterin unserer WG gestorben (Krebs), die jahrzehntelang in der linken Szene von Ottensen aktiv war. Die WG gab es über 25 Jahre lang – und nicht gerade wenige linke Aktionen wurden dort am Küchentisch geplant und realisiert. Meine andere Mitbewohnerin und ich hätten die Wohnung übernehmen können. Natürlich nach der Sanierung. Und natürlich nach der Mietanpassung. Ich sag mal so: selbst wenn wir eine 4er-WG draus gemacht hätten, wäre die Miete zu hoch gewesen…
      Wobei ich mir auch schon vorher keinen Protest auf der Straße habe entgehen lassen. Und ich werde es auch weiterhin tun. Sich solidarisch zu zeigen, ist für mich selbstverständlich. Wobei ich da eher zu den ruhigeren Artgenossen gehöre. Aggressive Parolen, lautes Geschrei oder aggressives Vorgehen sind halt nicht mein Ding. Da hätte ich das Gefühl, mich nicht so menschlich zu verhalten, wie ich menschlich sein will. Wobei ich auch aggressiven Protest sehr gut nachvollziehen kann.
      Ich denke übrigens nicht, dass die Gentrifizierung in Ottensen schon abgeschlossen ist. Schlimmer geht es nämlich immer. Es sind noch genügend alte Lokale da, die noch verschwinden können. Oder halt die auslaufenden Sozialbindungen, die du schon erwähnt hast. Wann und wie sind da Aktionen geplant? Blogge darüber! Mach weiter! Stell deinen Blog nicht ein! Informiere die Öffentlichkeit, damit sich mehr versammeln! Denn so kommt dein Kommentar bei mir nur zornig an. Der erhobene Zeigefinger, der jeden verurteilt, der nicht so intensiv denkt, fühlt und handelt. Mich persönlich verschreckt das eher, als dass es mich zu einem engagierten Handeln animiert.
      Und das Streetart nicht gleich Streetart ist, ist klar. Trotzdem haben auch Zipper und Co. nicht nur ihre Daseinsberechtigung, sondern auch ihren Sinn und Zweck. 😉

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  2. Hamburg ist und bleibt eben eine rote Hochburg.
    Schön finde ich es nicht, wenn alles so beschmiert ist, aber frei nach dem Motto: Ist das Kunst oder kann das weg ?

    🙂

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    1. Elbgängerin sagt:

      Kunst liegt halt immer im Auge des Betrachters. 😉 Aber unsere Streetart-Szene ist wirklich wunderbar vielfältig. Dazu dann noch die roten Parolen. Das ist schon eine höchst imposante Mischung. Normale Graffiti-Tags sind mir indes meist relativ egal. Den künstlerischen Wert kann ich da oft nicht erkennen. Oder ich kapiere sie halt einfach nicht…

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      1. Ich hab zumindest die Eigentümer im Sinn, die das dann nicht so witzig finden. Immerhin will dass nicht jeder sehen, der in so einem Haus wohnt.

        Kunst sind die wenigsten Dinge. Das Meiste sind schlicht Schmierereien. Ich kann dem nur wenig abgewinnen.

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      2. Elbgängerin sagt:

        Och, ich schon. Viele Stencils sind wirklich toll. Aber das Thema hatte ich hier ja schon mal: ist Streetart Vandalismus oder Kunst? Für mich ist es meistens Kunst. Nimm dir nur mal das Mural von mittenimwald hier in Altona. Völlig legal und mit Genehmigung entstanden. Bilder vom Künstler kosten in einer Galerie 1000 Euro aufwärts. Sein Mural ist ein Gemälde für die Öffentlichkeit. Gratiskunst für alle. Man kann aber auch einfach vorbeigehen. Farbe tut generell nicht weh und nagt auch nicht an der Bausubstanz

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      3. Ich habe nichts gegen legales Graffiti. Das ist völlig in Ordnung und sieht meist sogar schmücken aus, aber ich muss widersprechen: Farbe tut weh, nämlich dem, der illegale Schmierereien entfernen lassen muss.

        Ich würde auch jedem erwischten Täter eine Strafe auferlegen, seine Kunstwerke mit der Zahnbürste wieder entfernen zu müssen. Somit hätte es vielleicht einen Lerneffekt, anderer Menschen Eigentum etwas zu respektieren.

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      4. Elbgängerin sagt:

        Da bin ich eindeutig anderer Meinung. Eine gestaltete Hausfassade schadet niemandem. Klar, wenn man sich als Besitzer dran stört und nicht den Dialog sucht, dann kostet es. Solche Sachen lassen sich aber eben mit Gesprächen viel besser lösen als mit erniedrigenden Strafen, wie du sie vorschlägst. Die sind derart menschenunwürdig, dass sie Fronten nicht klären, sondern Situationen verschlimmern. Und mal ehrlich: in einigen Gegenden gehört Streetart seit Jahrzehnten zum Straßenbild dazu. Wer da ein Haus kauft und sich dann beschwert, hat ein wenig zu kurz gedacht. Manchmal nicht nur in ästhetischer, sondern auch in politischer Richtung, um mal auf die Roten Parolen zu kommen. Wer ein Viertel mit Geld und Arroganz wesentlich verändern will und nicht offen in einen Dialog tritt, muss sich nicht wundern, wenn es Gegenwind gibt.
        Wir haben da sehr gegensätzliche Meinungen. Für dich ist es Vandalismus, für mich ist es Kunst bzw. eine politische Aussage.

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      5. Ich habe nichts dagegen, anderer Meinung zu sein, aber ich bin sicher, dass du hier schlicht versuchst, eine Straftat schönzureden, denn nichts anderes ist es. Für politische gibt es genug Plattformen in Hamburg und es gibt kein Recht auf Vandalismus.

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      6. Elbgängerin sagt:

        Sorry, aber Straftat? Soviel Prinzipienreiter kann ich gar nicht sein, um Kunst im öffentlichen Raum so zu nennen. Lieber erfreue ich mich jeden Tag aufs Neue daran, dass es so viele Menschen gibt, die Hamburg bunter und interessanter machen. Und wie gesagt: da werden keine Fenster eingeschlagen, nicht an der Bausubstanz gepfuscht. Das meiste würde man sogar mit etwas Wasser und einem Spachtel abbekommen, wenn man denn unbedingt will. Also ist Streetart für mich tatsächlich kein Vandalismus. Und ich werde hier mit großer Freude weiterhin Kunstwerke zeigen und bewundern, die mich begeistern, weil sie künstlerisch wertvoll sind. Musst du dir ja nicht weiter reinziehen, wenn es nicht in dein Weltbild passt. 😉

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      7. Du liest nicht richtig. Ich spreche von Schmierereien, illegalem Graffite und nicht von ausgewiesenen Flächen.

        Bring dich mal auf Ballhöhe, was Sachbeschädigung angeht, schon der Versuch ist strafbar.

        Mit Wasser und Spachtel bekommt man Acrylfarbe meist nicht ab.

        Ach ja, natürlich kannst du posten, was du möchtest, ist ja dein Blog 🙂

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      8. Elbgängerin sagt:

        Ich rede hier auch von nicht ausgewiesenen Flächen. Mittenimwald war nur ein Beispiel dafür, dass dieses Schwarz-Weiß-Denken oft nicht greift. Noch besseres Beispiel: Banksy. International gefeierter Straßenkünstler, der NUR illegal sprayt. Hat man einen Bansky auf der Fassade, ist das inzwischen schon wertsteigernd. Trotzdem illegal, ja. Aber eben auch trotzdem Kunst. Und darum geht es mir hier: um die Kunst. Und die besteht in HH zumeist aus Paste-Ups. Und da reichen Wasser und Spachtel. Du meinst wahrscheinlich all die Tags. Das ist eine eigene Subkultur, mit der ich mich noch nicht beschäftigt habe. Hatte ich ja auch schon geschrieben. Deswegen kann ich da auch kein Urteil treffen. Bin zu wenig informiert, was die wollen. Und ohne Info haue ich keine Meinung raus – ist meist nicht differenziert genug. Würde mich da unwohl fühlen.
        Bitte zwischen legalen Murals, illegaler Streetart und Graffiti-Tags unterscheiden. Das kann man nicht alles über einen Kamm scheren. Pauschalurteile und Verallgemeinerungen sind das Gift unser immer engstirniger werdenden Gesellschaft. In diesem Sinne: schönen Sonntag noch.

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  3. taphian sagt:

    sehr interessanter Artikel mit tollen Bildern, werde da auch mal hinfahren

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    1. Elbgängerin sagt:

      Danke. ☺ Und einen Bummel durch Ottensen kann ich dir nur empfehlen. Obwohl ich dort nicht mehr wohne, zieht es mich dort immer noch oft hin.

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      1. taphian sagt:

        Ich warte nur mal auf besseres Wetter

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