MenscHHen #4: Der Trommler vom Hohen Elbufer

Wenn ihr am Aussichtspunkt an der Palmaille genug Elbe pur mit Augen und Seele aufgenommen habt und dann nach rechts und über die Brücke geht, die euch zum nächsten Parkabschnitt am Hohen Elbufer führt, dann kommt ihr rechter Hand an ein paar Holzparkbänken vorbei. Ein toller Ort, um auf die Elbe zu starren und das Ich zu entspannen. Im Dezember, als ich Zeit und Muße hatte, bin ich dort fast täglich vorbeigegangen. Und nach einer Woche hatte ich dort immer ein heimliches Date.

Denn egal zu welcher Tageszeit: er war da. Der alte Mann mit seiner braunen Schirmmütze und dem Stück Pappe auf den Knien. Und mit den Drumsticks. Drumsticks, die mal leise, mal lauter, aber immer konsequent ausdauernd das Pappestückchen mit Rhythmen bearbeiteten. Ganz vertieft war der Mann, während er trommelte. Er lebte in seinem eigenen Takt. Bei Sonne. Bei Wind. Ja, sogar bei Regen. Ob nun morgens, mittags oder nachmittags. Er saß da und trommelte. Tag für Tag.

Und ich freute mich auf ihn. Tag für Tag. War neugierig, welcher Rhythmus heute meinen Spaziergang bestimmen würde. Nach einer Woche war der Trommler bereits fester Bestandteil meines Spaziergangs geworden. Ich ging einmal sogar ganz bewusst bei Regen hinaus, um zu schauen, ob er auch dem Schietwetter trotzen würde. Selbstverständlich doch.

Dann kamen Weihnachten, Silvester, Krankheit und weniger Zeit, weniger Spaziergänge. Vor zwei Wochen dann endlich wieder mal ein Elbbesuch. Meine übliche Strecke. Und kein Trommler weit und breit. Ein Versehen? Am nächsten Tag knapste ich etwas Zeit ab, eilte gen Elbe, gen Parkbänke. Wieder kein Trommler. Mein Herz krampfte sich zusammen. Kann es sein? Ist er gar nicht mehr da? Das geht doch nicht! Ich konnte mich doch noch gar nicht mit ihm unterhalten, ihm sagen, wie sehr mich seine Rhythmen erfreuen, konnte gar nicht die Geschichte hinter der Trommelei erfahren.

Inzwischen war ich öfter wieder an der Elbe. Und immer wenn ich über die Brücke gehe und den Großstadtklängen lausche, fängt mein Herz an zu weinen. Denn Trommelrhythmen sind seitdem nie wieder dabei gewesen. An den Parkbänken mag ich nicht mehr verweilen. Der Trommler. Er fehlt. Sehr.

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