Von Kindern, Tänzern und Politik: Die vielen Seiten des Stencilartists T.O.E.

Und plötzlich war da das Bild von diesem Mädchen an der Wand. Mitten in der Schanze. Dieses kleine Mädchen mit einem weißen Kaninchen im Arm. Moment mal, ist das nicht Shirley Temple? Na klar! Oh, der Kinderstar sieht da aber besonders süß aus, wie es da so das Tierchen streichelt! Und dann erst dieser entzückend gespitzte Mund und die großen Kulleraugen! Wie niedlich! Ich konnte mich an dem Paste-Up einfach nicht sattsehen und guckte und guckte und guckte. Und je länger ich es betrachtete, desto mehr bewegte sich in mir. Denn in all seiner Niedlichkeit steckte in diesem Kind auch irgendwie Einsamkeit. Und ja, es sah auch ein wenig verlassen aus. Nicht dazugehörig. Wie wild stürmten plötzlich Assoziationen auf mich ein, Bildinterpretationen, Gefühle und Gedanken. Kurzum: das volle Kunstprogramm, wenn ein Werk etwas in einem auslöst. Und das mitten auf der Straße! Wahnsinn!

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© T.O.E.

Ich machte ein Foto von der kleinen Shirley. Zuhause dann fand ich darauf auch die Signatur des Künstlers: T.O.E.. Was folgte, war eine Recherche und ein unglaublich inspirierendes Treffen mit diesem ruhigen und trotzdem nicht minder beeindruckendem Künstler, der noch gar nicht so lange mit dabei ist, der aber bereits jetzt von den Straßen Hamburgs dank seiner Vielfalt ebenso wenig wegzudenken ist, wie aus einigen Wohnzimmern, denn einige Werke kann man inzwischen auch auf Leinwand kaufen. Wobei T.O.E. da keinen Unterschied macht. Kunst ist Kunst, Stil ist Stil. Und sowieso ist doch Kunst im Öffentlichen Raum viel toller, weil umsonst und für jeden und überall und immer.

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Deswegen ist T.O.E. auch immer sauer, wenn Privatleute eins seiner Paste-Ups von der Wand kratzen und mitnehmen: „Diese Kunst ist doch für die Öffentlichkeit und nicht für einen privaten Ort!“ Genau das ist ihm aber mal mit einer seiner Shirleys passiert, die auch noch eine Collab mit Bronko war, denn sie hielt dessen zahnigen Vogel statt des Häschens im Arm. Dass diese Arbeit einfach so geklaut wurde, ärgert T.O.E. heute noch: „Normalerweise ritze ich ein Bild mit dem Cutter kreuzweise ein, wenn es frisch an der Wand ist. Wenn man es abnehmen will, zerfällt es. So hat der Dieb dann nichts mehr davon und lernt vielleicht, dass Kunst im Öffentlichen Raum auch genau da zu bleiben hat.“

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Entspannter sieht er es, wenn Stadt oder Besitzer seine Werke entfernen. Das sei ja auch schließlich ihr gutes Recht. Vor allem die Bahn ist wohl recht schnell dabei. Es gibt da einen Bahnhof, den T.O.E. sehr häufig benutzt. Dort findet man zwei zugemauerte und vergitterte Fenster. „Ideale Orte für Straßenkunst!“, schwärmt T.O.E.. Nach zwei Tagen sind die Stencil-Arbeiten meistens schon wieder weg. Er klebt da aber trotzdem immer wieder. Und manchmal erzählt er damit sogar Geschichten:

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© T.O.E.
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© T.O.E.

Danach musste dann dieser Junge unbedingt ran:

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T.O.E. steht übrigens für „through other eyes“. Auf den Namen ist T.O.E. gekommen, als er gerade ein Auge malte und sich parallel mit der Frage beschäftigte, wie eigentlich sein Straßenname lauten solle. Jeder Streetartist wählt sich da mit Bedacht etwas aus. Und die Werke werden auf der Straße ja von und damit durch andere Augen gesehen. Außerdem verändert sich der Blick auf die Welt, auf die Gesellschaft vielleicht ja, wenn man erst einmal angefangen hat, genauer hinzuschauen. Denn zu nichts anderem fordert einem die Kunst im Öffentlichen Raum letztlich auf: schaut genau hin, lasst euch nicht vom Konsum einlullen. Denkt selbst, fühlt selbst, seid ihr selbst. Hört sich einfacher an, als es letztlich ist. Keine Frage. Aber es gibt eben auch Menschen, die sich und ihrem Inneren immer treu sind. Streetartists zum Beispiel. T.O.E. bildet da keine Ausnahme.

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Obwohl er erst vor ein paar Jahren zur Straßenkunst gekommen ist. Dabei beschäftigte er sich schon als Kind mit Malerei, Ölfarben und Acryl, denn sein Großvater war in Frankfurt am Main Bühnenbildner am Theater. T.O.E. ist also mit Kunst um sich herum aufgewachsen. Doch 1986 kam ihm die Musik dazwischen: zunächst rief sie ihn als DJ an die Plattenteller, dann als Mitarbeiter bei einem großen Musikvertrieb. So gingen die 80er und 90er ins Land. Und auch als T.O.E. 2001 nach Hamburg zog, arbeitete er weiterhin in der Musikindustrie. Dann kam das Jahr 2008. Und der große Zusammenbruch. Burnout. Restart. Leben neu sortieren, neue Prioritäten setzen, sich selbst wieder zusammenfügen. Eine große Aufgabe für einen Menschen.

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© T.O.E.

2010 nahm das Leben für T.O.E. dann eine neue Wende: er fing an, für einen Freund zu arbeiten, dem hier in Hamburg mehrere Geschäfte mit regionalen Produkten gehören – und die sich inzwischen bei Hamburgern sowie bei Touristen einer immensen Beliebtheit erfreuen. T.O.E. arbeitet dort übrigens immer noch, obwohl er seine Wochenstunden reduziert hat, um sich mehr seiner Kunst widmen zu können.

Für Kunst interessiert hat sich T.O.E. eigentlich schon immer, aber die Initialzündung, selbst zu gestalten, kam erst durch den Bansky-Film „Exit Through the Gift Shop“, den er sich zusammen mit einem Freund anschaute. Bäm! Das ist es! Straßenkunst! Eigentlich dachte T.O.E., dass sein Freund daraufhin mit Streetart anfangen würde. Tat er aber nicht. Also machte T.O.E. den Anfang. „Aber erst mal nur für mich selbst. Die ersten Sachen waren nicht gut genug für die Straße.“

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Wirklich los ging es für ihn erst im Jahr 2015, als er zum ersten Mal die eben frisch ins Leben gerufene Street Art School Hamburg besuchte. Hier bekam er den Input, den er brauchte, saugte Theorien wie ein Schwamm auf und setzte sie in die Praxis um. Manchmal auch aus einem traurigen Anlass. Denn der Junge mit dem Teddy im Arm und dem Luftballon ist eine Hommage an robi the dog, der im vergangenen Jahr verstorben ist, und der T.O.E. mit seiner Kunst stark beeinflusst und beeindruckt hat. Jetzt klebt das T.O.E.-Stencil direkt neben dem von robi the dog (rechts im Bild). T.O.E.s Werke kamen also endlich auf die Straße – und dann auch recht zügig in eine Galerie. „Ich bin selbst immer noch ganz baff, wie schnell das alles ging“, sagt T.O.E. Wobei er die ständigen Kommerzdebatten der Szene inzwischen etwas überdrüssig ist. Es sei doch jedem selbst überlassen, was er wie machen möchte. T.O.E. hat da für sich selbst auch ganz klare Grenzen gesetzt. Er will sich durch die Verkäufe hauptsächlich seine Materialen finanzieren können. Außerdem kauft er sich auch gerne mal Kunst. Er hat gar nicht die Intention, von seiner Kunst leben zu können oder gar reicht zu werden. Er möchte einfach nur sein Ding machen. Künstlerisch tätig zu sein macht ihn glücklich. Mehr will er nicht. Oder vielleicht doch – nur in einem anderen Sinne.

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© T.O.E.
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Denn fernab vom herrschenden Materialismus unserer Konsumgesellschaft hat Streetart einen ideellen Wert. Und damit ist nicht nur Gratiskunst für alle gemeint- Streetart war auch schon immer politisch. Und gesellschaftskritisch. Auch diese Aspekte findet man häufig in T.O.E.s Arbeiten:

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© T.O.E.
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Und seine Meinung zu Trump hat er bereits vor knapp einem Jahr kundgetan:

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© T.O.E.

Überhaupt … Trump! „Ich wünsche mir, dass Hamburg zum G20-Gipfel mit Kunst gegen Trump zugepflastert wird.“, sagt T.O.E. ernst. Neben Weltfrieden sei das ein ziemlich großer Wunsch von ihm. Und das kauft man ihm auch genau so ab, denn T.O.E. ist ein ruhiger, ein bescheidener Mensch, der seine Worte mit Bedacht wählt und voller Leidenschaft über Kunst zu reden weiß. Und der mit seiner Kunst Hamburg prägt und dafür nichts erwartet, sich aber über jedes neue Like auf Instagram freut, und dessen Augen vor Glück glänzen, wenn man von seiner Kunst schwärmt.

Und während ich diese Zeilen hier schreibe, erhalte ich von T.O.E. eine Nachricht. Sein Großvater, zu dem er ein sehr enges Verhältnis hat, ist gestorben. Deswegen möchte ich an dieser Stelle T.O.E. die letzten Worte überlassen: „Opa, das ist für dich!“

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9 Kommentare Gib deinen ab

  1. ellen sagt:

    Moin, Moin, vielen Dank für tolle Streetart und die Info ….genau mein Ding👋👋👋
    LG Ellen

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    1. Elbgängerin sagt:

      Moin Ellen! Ich bin auch voll happy, dass sich T.O.E. mit mir getroffen und mir einen Einblick in sein Schaffen gewährt hat. 😍 Ein wirklich toller Mensch und Künstler. 😄
      LG Nicole

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  2. Anne sagt:

    Moin! Cooler Beitrag!

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  3. Ich muss feststellen du bist eine echte Bloggerin schreiben sehr gut fotografieren sehr gut

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    1. Elbgängerin sagt:

      Dankeschön! *rot werd* Wobei mir das Schreiben wirklich eher liegt. 😉

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      1. Und ich sehr gut fotografieren kann wink

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