Sehr, sehr geil – und bald leider nur noch Geschichte: Die Astra Stube

In Hamburg gibt es eine Menge alternative Wahrzeichen. Orte, die den Touristen so gut wie nicht bekannt sind, die aber für die Einheimischen zum Teil eine große Bedeutung haben. Halt etwas, das Hamburg noch bunter und vielfältiger und interessanter macht. Und das schon seit langer Zeit. Einer dieser Orte ist ganz eindeutig die Astra Stube. Verschlägt es mal Touristen zur Sternbrücke (was auf dem Weg zum Musical-Theater Neue Flora jetzt nicht soooo unwahrscheinlich ist), kann man ein interessantes Phänomen beobachten: fast alle Touris wechseln noch vor der Kreuzung Stresemannstraße/Max-Brauer-Allee die Straßenseite. Denn genau da steht sie. Die Astra Stube. Und auf Touristen wirkt sie halt schon wie ein Schreckgespenst. Heruntergekommen, bunt beklebt, angeknabbert, dreckig und ziemlich schäbig. So sieht sie nun mal aus.

Und diese abgefuckte Fassade ist ebenso Kult, wie das, was sich drinnen täglich von 21 Uhr an abspielt. Denn die Astra Stube gehört zu den wichtigsten Live-Clubs der Stadt. Noch unbekannte Künstler aus ganz Europa und sogar den Vereinigten Staaten spielen hier, nutzen den Ort als Sprungbrett. Ob nun Elektro, Punk, Ska oder Pop – die Musik ist vom Feinsten. Und dann erst die Atmosphäre! Hier gibt es keine Berührungsängste, man kommt unheimlich schnell mit seinem Nachbarn ins Gespräch. Beruf, sozialer Status und weitere Äußerlichkeiten? Alles nicht wichtig! Auf den Menschen an sich kommt es an. Und natürlich kann man auch etwas anderes trinken als das namensgebende Astra. Man ist ja schließlich tolerant.

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Das hört sich jetzt alles supertoll und kuschelig und watteweich an, ist es aber nur bedingt. Natürlich gibt es auch eine andere Seite der Medaille. Denn wirtschaftlich rentabel ist die Astra Stube nun wahrlich nicht. Sie ist halt nicht nur alt, sondern auch recht winzig. Mit 80 Menschen ist sie voll, mit 100 Gästen quasi überfüllt. Eintritt wurde noch nie viel genommen. Ihr könnt euch vorstellen, dass sich der Club für jeden Profi-Betreiber nicht lohnt. Deswegen wechselte er auch mehrmals der Besitzer … bis es zur finalen (und grandiosen) Lösung kam: seit einiger Zeit wird der Club nämlich nun als Non-Profit-Einrichtung von der Astra Stube e.V. betrieben – einem zehnköpfigen Team, das sich um Steuersachen und Organisation kümmert. Seitdem trägt sich die Institution quasi selbst. Und das funktioniert so: für monatlich 5 Euro kann man Fördermitglied werden und kann im Gegenzug ein Konzert seiner eigenen Wahl kostenlos besuchen. Wer kein Fördermitglied ist, zahlt halt ganz normal Eintritt. Wobei manchmal auch gar kein Eintritt genommen wird und an der Bar dann lediglich ein Glas für Künstlerspenden steht. Kommt halt immer auf die Veranstaltung an. Mit den Fördergeldern hat der ehrenamtliche Verein eine gewisse Planungssicherheit. Tolle Sache, das.

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Ende gut, alles gut? Von wegen! Das Ende der Astra Stube ist nämich trotzdem absehbar. Denn die Sternbrücke, unter der die Astra Stube steht, ist sehr marode und muss dringend erneuert werden. Nicht weiter verwunderlich, denn sie wurde bereits 1925 erbaut. 2015 hat die Deutsche Bahn (die übrigens auch der Verpächter der Astra Stube ist) erst einmal Entwarnung gegeben: bis 2017 passiert hier gar nichts. Und nun ist 2017. Und das große Bangen beginnt. Ende des Jahres läuft der Pachtvertrag aus. Vielleicht wird er verlängert. Vielleicht auch nicht. Fest steht nur, dass die Bauarbeiten allerspätestens 2020 beginnen sollen. Wobei ich an anderer Stelle aber auch schon gelesen habe, dass es bereits Ende 2017 losgehen soll. Fest steht nur, dass die Astra Stube nicht nur während der Bauzeit, sondern generell weichen muss. Heutzutage gibt es andere Bauvorschriften als damals. Eine erneute Bebauung so nah an der Brücke ist nicht mehr realisierbar. Das Aus für die Astra Stube – ebenso wie für das Waagenbau und das Fundbureau in unmittelbarer Nähe. Für Hamburgs Clubszene ein wirklich herber Verlust. Ob es danach an anderer Stelle weitergeht, steht noch in den Sternen. Deswegen kann ich euch jetzt vorläufig nur ans Herz legen, in die Astra Stube zu gehen, solange ihr noch die Möglichkeit dazu habt.

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10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Oh ja kenne ich sehr gut bin ich Abend für Abend mit der Damaligen Freundin vorbei marschiert aber nie drin gewesen
    Aber dafür in einer anderen Astra Stube in der Nähe der Schanze

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    1. Elbgängerin sagt:

      Da war ich wiederum noch nie drin… Ich kenne da nur den Live-Club unter der Sternbrücke. Gute Musik. Also meistens. Ein paar Sachen sind nicht so mein Ding…

      Gefällt 2 Personen

  2. Moin Moin,

    Ein Blog zur Hansestadt Hamburg – das ist ja irgendwie mal eine richtig geniale Idee, wobei ich sekundenlang überlegen musste, warum ich dem schon gefolgt bin, bis ich erkannt habe, dass es sich um Dich handelt. *lach* Es scheint also fast, als wäre endgültig Feierabend mit „My Crime Time“. Ach, das ist wirklich sehr schade. Als großer Fan der Stadt an der Elbe werde ich hier aber genauso gerne vorbeischauen.

    Ich bin übrigens nach achtmonatiger Schaffenspause – bedingt durch unseren Nachwuchs und den Mehraufwand an Arbeit im Job – inzwischen wieder etwas aktiver und hab mir mit meinem alten Krimi-Couch-Kollegen Jochen König noch Verstärkung geholt. Es würde mich freuen, wenn du ab und zu vielleicht mal wieder vorbeiguckst. Neben dem Schreiben selbst macht das diskutieren über gute Literatur doch am Bloggen am meisten Spaß. (Vielleicht könnte dich hinsichtlich dessen – als großer King-Fan – meine Rezension zu „Brennen muss Salem“ interessieren. 😉 )

    Wünsche Dir mit „Elbgängerin“ ganz viel Erfolg. Man liest sich!
    LG
    Stefan

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    1. Elbgängerin sagt:

      Moin Stefan, schön, dass du auch hier regelmäßig vorbeischauen möchtest. My Crime Time habe ich schon vor Monaten in die Tonne gekloppt. Final. Sollen sich die alten eitlen Krimiexperten irgendeine andere Haudraufwichsvorlage suchen. Mir waren meine Nerven dafür zu kostbar. Will mit denen nix mehr zu tun haben. Dass du wieder zurück bist und mit Jochen König Verstärkung im Gepäck hast, habe ich bereits mitbekommen. Ich schaue also schon wieder ab und an bei dir rein. 😉 LG Nicole

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      1. Oh, das habe ich ehrlich gesagt überhaupt nicht mitbekommen. Aber wenn du „alt“ und „eitel“ sagst, kann ich mir schon vorstellen, wer da in diese Kategorie fallen könnte. Mit dem ein oder anderen bin ich zu KC-Zeiten ebenfalls schon aneinander geraten. Allerdings jeweils nur einmal, da ich durchaus … deutlich werden kann. Kann jedoch verstehen, dass einem das den Spaß an der Sache nehmen kann. Ich werde so etwas auch in Zukunft ignorieren, führe ich den Blog doch nicht für die Experten, sondern für Freunde des Krimis. Und wen die Thematik nicht eint, der darf halt gern draußen bleiben. Du wirst schon richtig entschieden haben. Eine Schande ist es allemal. Dein Blog war eigentlich so mit der Grund, warum ich überhaupt angefangen habe und tägliche Anlaufstelle.

        Na, dann wird es jetzt halt dein neuer. Wollte im Sommer mit meiner Holden eh mal nach Hamburg. 🙂

        LG zurück

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      2. Elbgängerin sagt:

        Hui, dann sag mal vorher Bescheid. Zu viert ein Bier oder so. 😄

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      3. Klingt gut. Wenn es klappt mit dem hochfahren, sag ich vorher Bescheid. 🙂

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  3. Anne sagt:

    Schade, dass so viel Gutes dem Bagger weichen muss… Noch härter erscheint es im Angesicht der lauten Abbruchwerkzeuge vor dem Fenster… Danke für den Beitrag! ❤ Du bist jetzt übrigens nicht nur hier ❤ drin, sondern auch in meinem Blogroll eingezogen. Sag Bescheid, wenn wir mal das Interview machen sollen, über das wir mal gesprochen haben. 🙂

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    1. Elbgängerin sagt:

      Danke! ❤ ❤ ❤ Wobei ich auch endlich mal nen Blogroll anlegen sollte … *seufz* Und Interview hört sich toll an! Können wir ja mal nächste Woche drüber quatschen. Bei nem Elbspaziergang! 😉

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      1. Anne sagt:

        Sounds good! 🙂

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