Ruine im Schatten der glanzvollen Vergangenheit: Ein Rundgang um die Schilleroper

Früher muss sie ein prächtiges Gebäude gewesen sein, diese Schilleroper. Heute allerdings wird sie kaum noch eines Blickes gewürdigt. Menschen parken ihre Autos an der Ruine – und stapfen mit gesengtem Kopf von dannen. Fußgänger sieht man hier indes so gut wie gar nicht. Dabei ist das Gebäude, das zwischen Lerchen- und Stresemannstraße liegt, nicht nur leicht zu finden, sondern auch schon von Weitem zu sehen: die inzwischen bunt besprayte Rotunde linst immer wieder zwischen den anderen Bauten hervor. Doch kaum jemand hebt den Blick, interessiert sich für das Gebäude, bleibt stehen. Und irgendwie kann ich das sogar verstehen, denn ein Haus derart im Verfall zu erleben, ist schon eine harte Nummer. Und doch, da ist nach wie vor der Nachhall vergangener Tage voller Glanz und Magie, Zauber und Gelächter. Auch wenn man ihr das heute nicht mehr ansieht. Machen wir uns nichts vor: die Schilleroper ist ein Wrack. Ein sterbendes Architekturmahnmal. An einigen Stellen hat man sogar den Eindruck, als ob lediglich die Graffiti das Mauerwerk noch zusammenhalten würden. Seht selbst:

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Aber unter all dieser verfallenen Melancholie ist sie irgendwo begraben, die artistische Vergangenheit dieses Gebäudes, das zwischen 1889 und 1891 für den Zirkus Busch erbaut wurde. Die Rotunde zeugt noch davon, lässt erahnen, welch prächtige Vorstellungen in der Manege das Publikum begeistert haben könnten. Über Tausend Besucher. Tag für Tag. Doch der Zirkus zog bereits 1899 wieder aus. Und die ruhelose Nutzung des Gebäudes begann. 1904 zum Theater umgebaut und zum 100. Todestag von Schiller mit dessen „Wilhelm Tell“ wiederöffnet, wurde aus dem Zirkus das Schiller-Theater. 1923 dann der nächste Umbau zur Oper. Fortan hieß der Ort dann Oper im Schiller-Theater, bis final halt die Schilleroper daraus wurde.

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Und dann kam der Zweite Weltkrieg. Da die Schilleroper keinen Luftschutzkeller besaß, wurde der Theaterbetrieb eingestellt. Fortan wurden hier italienische Kriegsgefangene untergebracht. Nach Ende des Krieges wurde das Gebäude Notunterkunft für Ausgebombte und Flüchtlinge. Und danach war nichts mehr, wie es einmal war. Bis 1963 war die Schilleroper ein Hotel, bevor sie bis zum Ende der 1970er Jahre Unterkunft für Arbeitsmigranten war. Danach wurde sie hauptsächlich als Lager genutzt. Die 80er und 90er wurden wieder turbulent: die Clubszene fand kurzzeitig hier ein Zuhause, es gab wieder Zirkusambitionen. Und auch afghanische Flüchtlinge wurden in der Bruchbude, denn nichts anderes war sie inzwischen, untergebracht. Es war die Rede davon, das Theater wiederzubeleben oder aus der Schilleroper ein Stadtteilzentrum zu machen. Pläne über Pläne, Diskussionen über Diskussionen. Nichts davon wurde verwirklicht. Eigentümer (übrigens immer wieder wechselnd) und Stadt beharkten sich. Wahrscheinlich tun sie das immer noch.

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Währenddessen modert die Schilleroper einfach vor sich hin, ist einsturzgefährdet. Der Glanz der Vergangenheit ist fast schon aufgezehrt. Eine Schande, dass solch einem grandiosen Gebäude ein solches Schicksal bestimmt zu sein scheint, das seit 2012 unter Denkmalschutz steht. Aber ein paar Menschen wissen die Schilleroper noch für sich zu nutzen. Wenn auch nur von außen. Die Streetartists von Hamburg hauchen der Fassade immer wieder neues Leben ein. Und das auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Wobei die Liebe immer wieder im Detail steckt.

Auffällig sind die großen Paste-Ups wie etwa von Mr. Fahrenheit, Marshal Arts und anderen Künstlern:

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Parolen gehören ebenso zum Fassadenbild wie Putin-Kritik (sämtliche Putin-Stencils sind übrigens von mts – das hätte ich mal wissen müssen, als ich als Streetart-Guckanfängerin über Altonas politische Wände gebloggt habe ^^):

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Auch eine Stickerkombo lässt sich finden:

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Und dann sind da natürlich noch all die anderen wundervollen kleinen Arbeiten von Sope, Johniversum, Momotob, Späm und all den anderen:

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Schon alleine für all die großen und kleinen und detailverliebten Kunstwerke lohnt es sich, einmal um die Schilleroper herumzugehen. Aber auch Streetart-Muffel sollten sich diesen Rundgang nicht entgehen lassen. Je langsamer man geht und je stiller man innerlich ist, desto eher kann man sie flüstern hören: die Vergangenheit der Schilleroper. Man bekommt eine Ahnung von all der Pracht, die längst Geschichte ist. Geht hin! Hört das Gebäude flüstern! Lasst euch von dieser einzigartigen Ruine verzaubern. Es lohnt sich. Versprochen.

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23 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wieder mal ein richtiger schöner Beitrag, Nicole. Besser kann man für die Perle im Norden kaum Werbung machen. Und du entdeckst da Ecken von Hamburg, die wohl selbst der ein oder andere Einheimische so nicht auf dem Schirm hat. „Die Liebe zum Detail“, von der du schreibst, könnte man auch auf Dich beziehen. Allein die Auswahl der Bilder find ich klasse. „Elbgängerin“ ist irgendwie – nicht nur wegen der Thematik – ganz anders als „My Crime Time“. Aber doch unverkennbar du. 🙂 – Da ich übrigens hier die Expertin habe, mal zwei Fragen: Wie stehst du zur Elbphilamonie? Und zweitens, was mich mal interessieren würde: Kannst du Dich mal schlau machen, ob bei der exponierten Bauweise des Gebäudes auch an Absicherung gegen Sturmflut bzw. Hochwasser gedacht hat? In Hamburg ja keine Seltenheit und der steigende Meeresspiegel ist ebenfalls ein Fakt. Und ein Gebäude für knapp 800 Millionen Euro – da sollten die besser Vorkehrungen getroffen haben, oder? Tät mich als Nicht-Hamburger jetzt mal brennend interessieren. – LG

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    1. Elbgängerin sagt:

      Moin Stefan! Erst einmal herzlichen Dank für die Blogblumen. Lese ich natürlich gerne. 🙂 Wobei ich zugeben muss, dass die Schilleroper-Ruine in Hamburg jetzt nicht soooo unbekannt ist. Kommt halt immer auf die Gegend an, in der man wohnt. Seit wir in Altona leben, erschließe ich mir halt so nach und nach mit Spaziergängen die Nachbarschaft. Da stolpere ich regelmäßig über haufenweise Blogthemen. Na ja, und das Detail liegt mehr halt eh mehr als der große Überblick. 😉

      Aber kommen wir mal zur Elphi, wie die Elbphilharmonie hier ja inzwischen genannt wird. Schickes Teil, keine Frage. Und auch ein Mehrwert für die Stadt. Auch keine Frage. Während der Bauphase war ich ob der unterirdischen Fehlkalkulation echt sauer. Aber was willst denn machen? Ne Bauruine stehen lassen? Abreißen? Geld wurde so oder so verschwendet. Da konnte man das Teil dann auch Fertigbauen. Meine Meinung. Und ja, ich mag den Anblick. Die Architektur ist grandios – selbiges soll auch für die Akustik gelten. Ein Besuch steht bei mir noch aus. Da warte ich, bis sich der Hype etwas gelegt hat. 😉
      Zur Lage und Hochwassersicherheit: Die Elphi wurde ja auf dem Kaispeicher A erbaut, der per se sturmflugtauglich ist. Da musste man also gar nicht so viel planen, weil man die Elphi einfach auf etwas sehr Sicheren draufgehabt hat. Generell gilt aber für alle alten und auch neuen Gebäude im Hafen und in der Speicherstadt, dass Hochwasser und Sturmflut so gut wie kein Problem sind. Für Anwohner gibt es Gangways, um trockenen Fußes in die Stadt zu kommen. Vom Wasser wird man da nicht mehr eingeschlossen. Na ja, und ältere Gebäude wie die Fischauktionshalle sind halt so konstruiert, dass das Wasser einfach einfließen und dann wieder abfließen kann. Passiert mehrmals im Jahr, sieht immer spektakulär aus, ist aber eigentlich ganz harmlos. Hier in Hamburg geht man recht solide und trotzdem gelassen mit einer anschwellenden Elbe um. Die Vergangenheit hat uns da einiges beigebracht. 😉

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      1. Na, informativer hätte die Antwort kaum ausfallen können. *lach* Besten Dank – es ist lange her, seit ich in Hamburg Jahr. Zuletzt habe ich dort vor knapp 10 Jahren Silvester an den Landungsbrücken reingefeiert. Das war allerdings ein Erlebnis, das ich nicht vergessen werde. Jedenfalls habe ich die genaue Architektur rund um die „Elphi“ jetzt nicht mehr so präsent in Erinnerung. Das klingt aber so, als müsste man sich keine Sorgen machen. Ich bin übrigens wie du der Meinung, dass sie tatsächlich einen Mehrwert darstellt. Was ich von nem Stuttgart 21 nicht behaupten kann. Und optisch ist sie tatsächlich ein Hingucker und der Stadt würdig.

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      2. Elbgängerin sagt:

        Mit Stuttgart 21 kann man die Elphi tatsächlich nur monetär vergleichen. Das dann aber auch nur ansatzweise. In Sachen Geldverschwendung ist da nur der Berliner Flughafen besser. 😉 Aber stimmt schon: Hamburg hat mit der Elphi jetzt ein neues Highlight. Absolut.
        Und Silvester an den Landungsbrücken??? Respekt! Das ist nur was für die ganz Harten…

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      3. Naja, wir waren jung und wollten die Sau raus lassen. Was uns dann auch gelungen ist. *lach* Werde nie vergessen, wie wir in der U-Bahn (oder war es die S-Bahn?) „Wonderwall“ von Oasis angestimmt haben und das ganze Abteil aus vollen Kehlen mitgesungen hat. Ein tolles und vor allem friedliches Erlebnis. Heute leider ja nicht mehr selbstverständlich, egal wo.

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      4. Elbgängerin sagt:

        Och solche Erlebnisse kannste hier nach wie vor haben. Ist ja auch immer ne Frage, wie offen und freundlich man mit fremden Menschen umgeht. Da kann man dann schon ne Menge schöner Momente haben. Geht mir zumindest so. 😉

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  2. tjo … wie schrieb Schiller: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
    Und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ … aber das Café Stenzel, Schulterblatt gibt es noch: da empfehle ich Tisch 18 …

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    1. Elbgängerin sagt:

      So kommt eins zum anderen. Dann also demnächst Café Stenzen. Da war ich tatsächlich noch nicht drin. Aber warum Tisch 18?

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      1. Kennst das Cafe Apotheke in der Schanze

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      2. Elbgängerin sagt:

        Omas Apotheke? Aber sicher doch! Vor 13 Jahren war das meine liebste Frühstücksanlaufstelle. 😄 War jetzt allerdings ein paar Jahre nicht mehr drin. Muss ich auch mal wieder…

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      3. Meine auch und ich liebe darin zu stöbern mit dem Photoapparat und zu fotografieren

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      4. Ich habe gegoogelt aber Tisch 18 darüber steht nix drin

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      5. Elbgängerin sagt:

        Ich habe auch nix gefunden. Vielleicht klärt uns der Wasserträger ja noch auf. 😄

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      6. Nö will ich selber wissen und erfahren

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    2. Was ist denn mit dem Tisch 18 und so fängt ja mein Geburtstag an ach ich guugel mal

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  3. Jawohl wenn ich wieder in Hamburg bin werde ich mir diese Ruine fotografisch reinziehen.
    Erstmal du hast ein Gespür das richtige zu schreiben und zu fotografieren, ich frage mich nur wo bei dem Bild wo die beiden Ostzonalen in meinen Augen Psychopathen drauf sind der Dritte und Vierte fehl noch den haben die Sprayer vergessen

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    1. Elbgängerin sagt:

      Aus mir wird nie eine Fotografin werden. Worte sind mehr mein Ding. Umso schöner, dass die Fotos trotzdem brauchbar sind. 😊

      Und anzuprangernde Politiker gibt es viele… Gib dem Künstler noch etwas Zeit. Ich bin zuversichtlich, dass da noch mehr kommt. Spätestens kurz bevor wir hier den G20-Gipfel haben. Ich werde die Augen offen und die Kamera bereit haben. 😄

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      1. Okay Angebot du schreibst ich fotografiere

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      2. Elbgängerin sagt:

        Können wir auch mal machen.

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      3. Aber nur wenn du wirklich willst ich bin Ende März in HH und Treffpunkt Omas Apotheke

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      4. Elbgängerin sagt:

        Wenn ich Zeit habe, herzlich gerne. Bin Ende März für eine Woche beruflich unterwegs. Aber vielleicht passt es ja.

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  4. Tisch 18 ist d e r Fensterplatz, bis dann

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