MenscHHen #5: Katjas Leben auf der Straße

Im Spätsommer vergangenen Jahres habe ich sie zum ersten Mal gesehen: die schlanke, adrett gekleidete Frau unter all den Obdachlosen neben dem McDonald’s am Bahnhof Altona. Wie eine Bankerin sah sie aus: Föhnfrisur, freundliches Lächeln. Immer sauber und gepflegt. Und sehr höflich. Nur der Rollator viel auf. Den hatte sie immer bei sich. Als Gehhilfe, als Stuhl, als Transportmittel. Zusammen mit ihrem Mann richtete sie sich im Herbst in der Fußgängerunterführung zur Neuen Großen Bergstraße ein. Zwei Matratzen, ein paar Habseligkeiten. Wenn die beiden auf Betteltour gingen, wurde das Bett ordentlich gemacht. Manchmal lag sie auch den halben Tag in ihrem öffentlichen Schlafzimmer herum und las ein Buch.

Als der Winter kam – und mit ihm die Kälte – bekamen die beiden Obdachlosen Gesellschaft. Mehrere Männer schlugen ihre Zelte auf. Manchmal roch es ein wenig streng, aber die Stimmung war immer friedlich. Zum zweiten Advent wurde ein Plastikweihnachtsmann als Dekoration aufgestellt. Es gab mehr Decken, die über die Matratzen geworfen wurden. Sie sah auch nicht mehr so adrett aus. Fettige Haare unter einer Wollmütze. Das Gesicht von der Kälte rot und spröde. Nur das Lächeln blieb. Dann kam der dritte Advent. Und die Obdachlosen waren weg.

Wiedersehen in Ottensen

In der „Hamburger Morgenpost“ hieß es, dass die Fußgängerunterführung geräumt worden sei, dass sich Anwohner beschwert hätten, dass das Ordnungsamt vorbeigekommen sei. Ich habe sie vermisst, war traurig und wütend zugleich. Vertreibung kurz vor Weihnachten! Das geht doch nicht!

Im Januar habe ich sie dann wiedergesehen. Auf der anderen Seite des Bahnhofs. In Ottensen. Eng an die Mauer gedrückt zwischen den Markenklamottenläden sitzt sie von morgens bis spät am Abend auf ihrem Rollator in der Fußgängerzone. Im leeren Pappkaffeebecher vor ihr liegen ein paar Münzen. Der Winter hat ihr zugesetzt: rot und rissig die Haut, abgewetzte Kleidungsschichten hängen an ihr herunter, die Haare sind unter den drei Mützen nicht zu sehen. Aber sie lächelt weiterhin mit ihren freundlichen blauen Augen jeden an, der ihr Lächeln sehen will.

Vor ein paar Wochen kamen mein geliebter Elbläufer und ich abends aus dem Kino. Es war schon spät, die Geschäfte waren schon zu, aber sie saß immer noch da. Dieses Mal gab ich ihr nicht nur einen Euro. Ich sprach sie an. Freundlich, unverbindlich. Ein kurzes Gespräch, das wiederholt wurde. Und dann noch einmal. Und noch einmal.

Katjas Wunsch

Sie, das ist Katja, die seit fünf Jahren auf der Straße lebt. Ihr Mann ist bereits seit zehn Jahren obdachlos. Den Winter haben sie in der Nähe von der Fischauktionshalle verbracht. Unter einer Brücke. Ins Winternotprogramm wollten sie nicht. Da wird man ja doch nur beklaut. Es gibt halt solche und solche unter den Obdachlosen. Viele Worten gehen hin und her. Intime und private Begebenheiten, die das öffentliche Licht dieses Blogs scheuen, aber fest in meinem Herzen verwahrt werden.

Vergangenen Freitag habe ich Katja gefragt, was sie denn akut brauchen würde. Sie guckte mich schüchtern an. Eine Hose, das wäre schön. In den Kleiderkammern gäbe es meistens nur Klamotten für Männer. Und wenn sie auch mal Damenbekleidung hätten, wären ihr die Hosen meistens zu groß. Zum ersten Mal schaute ich mir Katjas Outfit genauer an. Um Himmelswillen! Es war nass und kalt – und sie saß da in einer dünnen und angefressenen Jogginghose herum. Mein Herz fing an zu bluten. Hosengröße? 38. Ein paar Nummern zu klein, um ihr was aus meinem Kleiderschrank zu geben. Den Rest des Tages fragte ich herum. Mein liebster Elbläufer brachte mich auf die Idee, bei Hanseatic Help anzuklingeln. Gesagt, getan, Bestellung für eine Hose geschrieben. Könnte aber ein paar Tage dauern.

Freudentränen in der Haspa-Filiale

Solange wollte ich nicht warten. Dünne Jogginghose. Das Bild ging mir nicht aus dem Kopf. Zum Glück haben wir hier direkt um die Ecke einen Kilo-Shop vom Roten Kreuz. Da bin ich am Samstag rein und habe zwei Hosen in 38 gekauft. Billig, gebraucht, aber robust und funktional. Und dann ab zu Katja, die samstags nicht in der Ottenser Hauptstraße, sondern in der Haspa-Filiale am Spritzenplatz sitzt. Weil die Bank ja samstags zu hat. Und der Vorraum ist tagsüber offen. Sie muss zwar regelmäßig raus, wenn der Wachmann kommt, geht dann aber wieder rein. Seitdem vor ein paar Jahren Obdachlose im Filialenvorraum ein paar Häufchen gemacht haben, wird nachts und sonntags abgeschlossen. Früher konnte Katja da im Winter schlafen. Sie versteht aber, dass die Haspa das jetzt macht. Einige der anderen waren unmöglich, haben Kunden bepöbelt. Der Eckenscheißer wurde von ihrem Mann deswegen sogar schon mal aus dem Vorraum geschmissen. Macht man nicht, so was.

Aber das ist alles Vergangenheit. Jetzt kann Katja da immer nur noch samstags tagsüber rein. Dort finde ich sie auch vergangenen Samstag. Ihr freundliches Gesicht öffnet sich als sie mich sieht. Und als ich ihr die Hosen gebe fängt sie an zu weinen. Das sind ja gleich zwei! Solche Momente bleiben haften, berühren die tiefen Seelenschichten und nisten sich da ein. Ob sie noch etwas zu essen oder trinken bräuchte, frage ich Katja. Ein Kaffee wäre toll. Ohne Milch aber mit gaaaaaanz viel Zucker. Katja strahlt. Ich husche kurz zum Bäcker nebenan. Filterkaffee und ganz viel Zucker. Katja strahlt beim ersten Schluck. Und mein Herz tanzt.

Noch mehr Hosen für Katja

Heute konnte ich mir die bestellte Hose bei Hanseatic Help abholen. Als ich den Stoffbeutel aufmache, sehe ich, dass auch dort zwei Hosen spendiert wurden: eine Jeans und eine dicke Jogginghose. Dankbarkeit durchflutet mich. Ich eile zu Katja, die heute wieder in der Fußgängerzone sitzt. Und schon wieder werden ihre Augen feucht. Aber dann strahlen sie. Ich sehe, dass Katja eine von den Samstaghosen an hat. Die dünne Jogginghose konnte sie endlich wegschmeißen.

Während wir uns unterhalten, kommt ein junger Mann dazu, schenkt Katja eine Packung Kakao. Sie bedankt sich distanziert. Als der Mann weg ist, fragt sie mich: „Willst du den Kakao haben? Ich vertrage keine Milch.“ Das macht mich nachdenklich. Ich frage nach. Katja bekommt oft Sachen, mit denen sie nichts anfangen kann oder die sie nicht mag. Die gibt sie dann weiter. Ablehnen will sie nicht. Das sei ja unhöflich. Trotzdem würde sie sich wünschen, dass die Menschen sie vielleicht einfach mal fragen würden, was sie möchte. Sie stünde zwar ganz Abseits, weit vom Rand der Gesellschaft entfernt, aber sie sei ja trotzdem ein eigenständiger Mensch. Worte, die nachdenklich machen. Mal wieder.

Von Mensch zu Mensch

Ich frage Katja, ob sie noch etwas zu essen oder trinken möchte, bevor ich wieder los muss. Oh ja, ein Kaffee wäre fein. Mit gaaaaanz viel Zucker. Beim Hansebäcker im Mercado werde ich schief angeguckt, als ich mir zu dem großen Filterkaffee gleich zwei Handvoll von den kleinen Zuckertüten greife. Ist mir egal. Und Katja freut sich, dass sie ein wenig Zuckerreserve hat. Morgens holt sie sich gerne mal einen Kaffee bei Ali, aber der ist so geizig, wenn es um den Zucker geht. Morgen ist für Zucker gesorgt.

Katja und ich unterhalten uns noch ein wenig. Auch diese Worte scheuen das grelle Licht eines Blogs. Ob ich denn über sie bloggen dürfe, frage ich sie. Warum nicht? Ob ich ein Foto von ihr machen dürfe, frage ich sie. Nein, das möchte sie nicht. Als ich aufstehe und mich verabschiede, strahlt Katja mich an. „Kommst du mich mal wieder besuchen?“ Aber klar doch. Schließlich ist Katja jetzt keine namenlose Obdachlose mehr für mich. Sie berührt mich, bringt mir etwas über das Leben bei, erweitert meinen Horizont. Und während ich diese Zeilen hier schreibe, werden meine Augen feucht. Weil ich so dankbar bin, dass ich Katja kennengelernt habe.

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11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ulrike sagt:

    Hallo!
    Das ist ein sehr bewegender Artikel. Aber, hmm, als ehrenamtliche Mitarbeiterin der Bahnhofsmission frage ich mich, warum Katja nichts von der Kleiderkammer und den vielen kostenlosen Essensstellen weiß. In der BM am Hauptbahnhofs gibt es eine Übersicht über die wichtigsten Stellen, die kostenlos oder gegen ganz kleines Geld Kleidung und Essen spendieren. Auch auf einen kostenlosen heißen Kaffee kann man zur BM kommen. Wenn Du magst, hol Dir doch einfach mal den Zettel mit der Liste (auch Futterkrippenzettel genannt) bei der BM und gib ihn Katja. Da stehen auch Stellen in Altona drauf. Es gibt übrigens auch Unterkünfte für obdachlose Frauen. Und wer raus will aus dem Milieu findet auch einige Stellen, die gerne helfen, nicht nur kirchliche….
    Ich helfe gerne, wenn noch Fragen sind.
    Liebe Grüße
    Ulrike
    p.s. Ich kann Dir entsprechende Informationen auch mitbringen, falls wir uns mal wieder treffen

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    1. Elbgängerin sagt:

      Hallo Ulrike,
      von den Kleiderkammern weiß Katja. Da hat sie ja schon gesagt, dass sie da nur schwer was findet, weil da fast nur was für Männer ist und wenn, die Klamotten oft zu groß sind. Mag natürlich auch besser bestückte Kleiderkammern geben. Ich tue mich immer schwer, für andere zu sprechen. Deswegen nur mal die Vermutung: den Rollator hat sie nicht ohne Grund. Sie ist gehbehindert. Könnte durchaus eine Hürde sein, auch andere Kleiderkammern aufzusuchen. Wobei ich tatsächlich nicht weiß, wo die sind oder wie die bestückt sind. Das nächste Mal werde ich sie mal fragen, wie sie so zu der BM und anderen Anlaufstellen für Essen steht. Mein Eindruck ist allerdings, dass Essen nicht so das Problem ist. Da kommt sie gut zurecht. Ihr Mann auch.
      Und wenn wir schon beim Mann sind … ohne den ist auch ohne Katja. Hat sie sehr deutlich gemacht. Deswegen fallen die Unterkünfte für Frauen schon mal weg. Sie hat Kontakt zu Streetworkern. Und da wird auch mit Hochdruck dran gearbeitet, dass sie und ihr Mann eine Unterkunft finden. Ist halt nicht ganz soooo einfach, weil ihr Mann kein deutscher Staatsbürger ist und auch keinen gültigen Pass besitzt. Aber auch da kennst sie die Wege, was er wie machen müsste. Sie ist also schon recht gut informiert.
      Den Futterkrippenzettel hole ich mir aber sehr gerne aus der BM raus. Schadet ja nicht. Im Zweifelsfall hat sie dann einfach eine Info doppelt. Tolle Sache übrigens! Vielen Dank, dass du mir die Info gegeben hast!
      Und hey, spätestens im März bin ich auch wieder beim Bloggertreffen. Nur morgen kann ich halt nicht. Aber wir werden uns auf jeden Fall sehen! 🙂
      Liebe Grüße
      Nicole

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  2. ellen sagt:

    Ein Leben am Rande der übersättigten Gesellschaft, das Gelesene berührt mich sehr. Mitgefühl ist etwas was so viele Menschen abhanden gekommen ist….leider!
    Bei uns gibt es Einrichtungen, die einen warmen Mittagstisch an Bedürftige austeilen. Hamurg müßte so etwas doch auch anbieten, oder nicht?
    Mitreißend geschrieben! Toll!
    Herzliche Grüße
    Ellen

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    1. Elbgängerin sagt:

      Liebe Ellen,
      schön, das auch dich Katjas Geschichte berührt.
      Hier gibt es auch viele Einrichtungen, die Essen anbieten oder verteilen. In einigen Stadtteilen intensiver als andere. In St. Georg gibt es zum Beispiel einen ganz wunderbaren ehrenamtlichen Helfer, der für die Obdachlosen in seinem Kiez nahrhafte Suppe kocht. Bewundernswert!
      Essen an sich ist nicht so das Problem. Eher halt so das Menschsein. Hilft ja manchmal schon, einfach mal ne Runde ganz normal zu quatschen. Oder nicht einfach nur was anzubieten oder zu geben, sondern auch mal zu fragen: „Was möchtest du denn?“
      Herzlich
      Nicole

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  3. ellen sagt:

    Entschuldige die schlechte Rechtschreibung…ich kaufe ein n und ein b dazu.

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  4. freudenwege sagt:

    Danke für diesen Beitrag, für die Einblicke in ein Leben am Rande, das aber doch auch dazu gehört. Finde ganz toll, dass du mit Katja sprichst und dich so lieb um Hosen, Kaffee und co. gekümmert hast. Und auch schön, dass Katja offen mit dir spricht und du hier darüber schreiben darfst!
    Herzliche Grüße
    Julia

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    1. Elbgängerin sagt:

      Liebe Julia,
      für mich ist es auch sehr beeindruckend, dass sich Katja ihre freundliche und offene Art bewahrt hat. Ich denke mal, dass sie echt schon viel Scheiße erlebt hat. Ich hoffe, dass ich demnächst wieder mit ihr quatschen kann. Sie ist eine wirklich tolle Frau.
      Herzlich
      Nicole

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  5. Sehr bewegend, dein Artikel! Ich hoffe, Katja und ihr Mann finden ganz bald eine Unterkunft!

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    1. Elbgängerin sagt:

      Das hoffe ich auch. Und in der Zwischenzeit hoffe ich, dass das Wetter bald deutlich besser wird.

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  6. Klaus sagt:

    Sehr bewegender Beitrag, danke!

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