Kontroversen und Kontraste: Die Kunst von René Scheer bei Madame Hu

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In Hamburg findet man Stencil-Arbeiten vor allem auf der Straße. Dass die hochwertige Schablonenkunst aber nicht zwangsläufig mit Streetart verbunden werden muss, beweist der Künstler René Scheer, dessen Werke jetzt im Restaurant Madame Hu zu sehen sind.

Sie kommen zunächst harmlos daher, aber betrachtet man sie erst einmal genauer, beginnt der Dialog. Mit sich selbst, mit anderen Betrachtern. Die Bilder des Hamburger Künstlers René Scheer lösen Diskussionsimpulse aus. Auf der gestrigen Vernissage taten das vor allem seine aktuellen Werke: vier Stencils mit den Titeln „The Surfer 1- 4“. Darauf zu sehen: Hände, die sich irgendwo an irgendetwas festhalten. So weit, so harmlos. Doch dann erfährt man: diese Hände gehören sogenannten Train-Surfern. Also Menschen, die sich an fahrenden Zügen festhalten.

Bäm, und schon ist man polarisiert, hat eine Meinung, will sie kundtun. Warum machen Menschen das? Was treibt sie an? Sind sie einfach nur Adrenalin-Junkies? Wollen sie maximale Lebensgefühle? Oder versuchen sie, Gefühle abzutöten? Geht es vielleicht einfach nur um Aufmerksamkeit? Fragen, die in den Raum geworfen werden. Und dann auch diese hier: Darf man diese lebensgefährlichen Aktionen als Momentaufnahme in Kunst verwandeln? Renè Scheer hat da eine ganz eindeutige Meinung: Ja, darf man. Weder verherrlicht noch verharmlost er das Train-Surfing. Er zeigt es, wie es ist. Aber das Thema bewegt ihn. Und was ihn bewegt, was in ihm arbeitet, dass nimmt er auf und wandelt es auf seine Art und Weise um. Nämlich in Kunst.

Für die vier Surfer-Stencils etwa schaute er sich reihenweise Youtube-Videos an. Echte Aktionen, die ins Netz gestellt wurden. Bewegte Bilder voller Emotionen. Scheer machte zunächst Screenshots und fertigte dann seine Stencils an. Für die Bilder übernahm er die Unschärfe, das Verwackelte der jeweiligen Aktionen und suchte sich ein Detail: die Hände. Denn der feste Griff ist letztlich das, was den Tod verhindert. Und das Leben bewahrt. Eine unheimlich starke Aussage, die der Künstler mit seinen Bildern sichtbar macht. Je länger man sie sich anschaut, desto eindringlicher werden sie. Eine nachhaltige Gänsehaut. Nicht nur auf der Haut. Auch im Gemüt.

Wobei natürlich nicht alle Bilder des Künstlers derart kontrovers sind und Diskussionen provozieren. Bis ins kleinste Detail durchdacht sind sie aber alle. Da wäre zum Beispiel sein jüngstes Werk „Frau am Fenster“, das erst in der Nacht vor der Vernissage von Scheer beendet wurde. Eine Hommage an Caspar David Friedrich. Der Clou: die Aussicht der Frau ist nicht vorgegeben, sondern flexibel gestaltbar. Je nachdem, wo der neue Besitzer das Bild hinhängt:

Und dann wären da natürlich noch seine Land- und Stadtbilder, die, nebeneinander gehängt, einen reizvollen Kontrast bilden. Auf der einen Seite die Beschaulichkeit der Insel Amrum, auf der anderen Seite das rege Treiben von Großstädten wie New York. Jedes Bild hat eine ganz eigene Atmosphäre und Wirkung, kombiniert man sie aber, bilden sie eine künstlerische Spannung, in die man emotional regelrecht versinken kann.

Ob nun Landschaften, riskante Momentaufnahmen aus dem Leben oder aber Porträts – was die Stencils eint, ist die Liebe zum Detail. Und die hat es in sich. Denn die Schablonen von René Scheer sind derart fein ausgearbeitet und von ihm ausgeschnitten, dass sich der Künstler damit handwerklich auf höchstem Niveau bewegt. Besucher der Vernissage konnten sich davon mit eigenen Augen überzeugen, denn Scheer hatte ein paar seiner Schablonen als Ansichtsmaterial dabei. Sehr beeindruckend – vor allem für Grobmotoriker wie mich.

Falls ich euch jetzt ein wenig neugierig machen konnte: Die Bilder von René Scheer hängen noch die nächsten paar Wochen im Restaurant Madame Hu (Bei der Schilleroper 6, 22767 Hamburg) . Genießt die Bilder doch einfach bei einem der vielen leckeren französisch-asiatischen Crossover-Gerichten. 😉 Und falls ihr euch für weitere Bilder von René Scheer interessiert oder bessere Fotos von selbigen sehen möchtet (ich bin da leider nur rudimentär begabt – sorry, René!): der Künstler hat nicht nur eine eigene Website, sondern ist auch bei Facebook und Instagram zu finden.

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8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Es bleibt dabei: Von Kunst verstehe ich nicht die Bohne. Aber es gibt halt die, die mir gefällt und die andere, bei der das nicht der Fall. Die Werke hier gehören zu ersterer Kategorie. Ich finde bei Bildern die Balance zwischen dem notwendigem Detail und der Fantasie des Betrachers sehr wichtig (möglich, dass mir daher auch Hopper so zusagt), weshalb mich vor allem die oberen drei sehr ansprechen. Die Website werd ich mir sogleich mal näher anschauen.

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    1. Elbgängerin sagt:

      Oh, das freut mich Stefan. Die Bilder von René Scheer regen die Fantasie des Betrachters in der Tat sehr an. Wobei es da bei mir vor allem erst über das Gefühlte und dann in den Kopf geht. Mich beeindruckt es aber auch sehr, wie durchdacht der Künstler ans Werk geht. Da steckt immer eine Menge drin. Ein absoluter Mehrwert.

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      1. Schaue mir auf seiner Website gerade die Arbeiten für das Altonaer Museum an. Der Typ hat tatsächlich wirklich etwas auf dem Kasten. Beeindruckend. Der Name hat mir vorher (was mich aber auch gewündert hätte 😉 ) nichts gesagt. Werde ich mal im Auge behalten.

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      2. Elbgängerin sagt:

        Ich bin auch nur zufällig auf ihn aufmerksam geworden. Zum Glück. Und hey, ich bin recht zuversichtlich, dass es hier demnächst noch mehr zum und mit dem Künstler geben wird. 😎 Und das Beste: seine Kunst ist noch bezahlbar. 😄

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      3. Dann sollte ich wohl diesen Blog weiterhin im Auge behalten, heh? 😎 😀 – Bin ich sehr gespannt drauf. Hätte ich noch irgendeine freie Wand in der Wohnung und nicht alles voller Bücherregale – ich täte glatt eins kaufen. 🙂

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  2. ellen sagt:

    Danke für die Info- ich werd mir demnächst einen Zug nehmen und in HH dort vorbeischauen.
    Liebe Grüße

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    1. Elbgängerin sagt:

      Das wäre toll! Meiner Meinung nach lohnen sich die Bilder wirklich sehr. Liebe Grüße zurück. 😊

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