Steampunk für die Straße: Der Stencil-Artist Le Loup

Seine Paste-Ups fallen auf. Ob nun Nonnen, kleine Kinder oder zarte Frauen mit Gasmasken – die Kunst von Le Loup geht unter die Haut. Und sie beweist, dass Streetart nicht immer nur lieb und gefällig sein muss.

Es regnet, es ist windig, mir ist kalt. Und ich habe es ganz schrecklich eilig, denn die Post schließt doch bald und ich muss dringend noch ein Päckchen abholen. Doch plötzlich ist da dieses Mädchen an der Wand. Fasziniert bleibe ich stehen. Ungeheuerlich! Da hat ja jemand der Süßen ihren kompletten Niedlichkeitsfaktor genommen! Mit der Gasmaske wirkt sie sogar irgendwie … bedrohlich. Ich gucke und gucke. Gefühle stürmen auf mich ein. Von Faszination bis Widerwillen ist alles dabei. Inzwischen regnet es stärker. Aber ich muss weitergucken. Welche Aussage steht hinter dieser handwerklich so fantastisch gemachten Stencil-Arbeit? Ist das Ende nahe? Sind Kinder toxisch? Oder muss man die Kleinen mit einer Gasmaske vor ihrer erwachsenen Umwelt schützen? Ich denke und fühle und denke und fühle. Die Post hat längst zu. Ich bin inzwischen klatschnass. Tief in Gedanken versunken trete ich den Heimweg an. Das Mädchen nagt noch an mir. Und dann sehe ich das hier:

© Le Loup

Das ist ja auch von diesem Künstler! Und es ist sogar noch härter! Bäm, zum zweiten Mal in kurzer Zeit haut mich ein Paste-Up förmlich um. Dieses Mal trägt also die Nonne die Gasmaske, nicht das Kind. Muss jetzt Religion geschützt werden oder das Kind vor dem Glauben? Dieser Zwiespalt! Diese Spannung! Und dann schon wieder: diese Details in der Ausarbeitung. Ich bin zutiefst beeindruckt. Aber auch ein wenig erschüttert. Weil einfach zuviele Menschen achtlos vorbeilaufen, während ich ob der Kraft dieser Kunst Tränen in den Augen habe. Irgendwo müssen die ganzen Gefühle, die diese beiden Stencils in mir auslösen schließlich hin.

Beide Bilder lassen mich nicht mehr los. Wer ist der Künstler? Ich muss einfach mehr von ihm sehen. Bei Instagram und Facebook werde ich schnell fündig: Le Loup. Himmel, der Mann hat’s drauf! Ich werde ein stiller Fan, der jedes neue Bild heimlich feiert. Bis die wunderbare MaryMee vermittelt und für mich ein Treffen mit dem Künstler arrangiert.

© Le Loup

Le Loup grinst breit, als ich ihm von der ersten Begegnung mit seiner Kunst erzähle – und direkt nach Bedeutung und Interpretation frage. „Ich finde es immer wieder erstaunlich, was die Leute so in meinen Bildern sehen, wie sie sie interpretieren. Ist schon interessant. Ich denke da aber ehrlich gesagt gar nicht so drüber nach, sondern nehme einfach Motive, die mir gefallen und die mich selbst ansprechen“, klärt mich Le Loup schmunzelnd auf. Okay, so kann man es auch machen. Jetzt muss ich selbst auch grinsen (bleibe aber innerlich dabei, dass da in seinen Werken eine ungeheuer tiefgreifende Gesellschaftskritik drinsteckt). Aber warum Gasmasken? Ganz einfach: weil ihm diese Motive halt gefallen. „Kleine süße Kinder sieht man ja schon genug an den Straßenwänden. Die sind ja auch toll, aber ich wollte einfach etwas anderes machen,“ sagt Le Loup und nippt an seinem Kaffee.

© Le Loup

Mit der Streetart angefangen hat es für ihn 2014. Wie für viele andere Künstler waren auch für ihn die Arbeiten von Bansky der Auslöser. „Ich fand es einfach klasse, wie der den öffentlichen Raum gestaltet. Das wollte ich auch.“ Zusammen mit einem Kumpel kauft sich Le Loup ein Stencil-Buch. Die beiden schneiden und sprayen und sind begeistert. Aber Le Loup reicht das nicht. Er will eigene Sachen machen. Gesagt, getan. Nach und nach bringt er sich selbst alle relevanten Techniken bei. Zum ersten Mal kommen seine Arbeiten auf die Straße. Parallel dazu erfährt er von der Street Art School. Er geht mit seiner Arbeitsmappe hin, zeigt sie her, will lernen. In der Schule ist man von Le Loups Arbeiten begeistert. Beibringen könne man ihm allerdings nichts mehr. Eher suche man jemanden wie ihn, um Workshops zu geben.

© Le Loup

Von da an nimmt alles einen rasanten Lauf: Workshops, Auftragsarbeiten, Ausstellungen. Während ich mit offenem Mund staune, winkt Le Loup ab: „Das ist normal, wenn jemand Neues auftaucht. Da gibt es dann einen Peak nach oben, aber das pendelt sich dann recht schnell ein.“ Aber als er mal kurzzeitig arbeitslos war, war es natürlich schon schön, dank der eigenen Kunst überleben zu können. Hauptberuflich möchte Le Loup, der aus dem Hamburger Umland kommt, aber nicht als Künstler arbeiten. „Das ist ja doch recht unbeständig. Man kann nicht wirklich planen. Ich habe ein Haus. Da brauche ich schon gewisse Sicherheiten.“ Trotzdem sei es ganz schön, den ein oder anderen Euro dazu zu verdienen. „Es gibt ja nach wie vor die Diskussion unter den Streetartists, ob man mit seinen Sachen überhaupt Geld verdienen sollte. Ich sehe das ganz pragmatisch. Schließlich geht fast alles, was ich für meine Bilder bekomme, dafür drauf, um neues Material zu kaufen.“

© Le Loup
© Le Loup

Eins der wichtigsten Arbeitsutensilien ist wohl Le Loups Computer, an dem er nicht nur seine Stencils gestaltet (was übrigens mindestens acht Stunden dauert, wobei er mal eines Nachts für gleich zwei kleinere Arbeiten nur drei Stunden gebraucht hat), sondern an dem er auch nach Motiven sucht. „Wobei ich 99 Prozent von dem, was mich zunächst interessiert, auch wieder verwerfe“, verrät Le Loup. „Das kann dann auch schon mal mitten bei der Arbeit an einem neuen Stencil passieren.“ Wenn es um seinen eigenen Anspruch geht, ist Le Loup kompromisslos. Und das merkt man seinen Arbeiten auch an, die handwerklich immer auf höchstem Niveau sind.

Kein Wunder also, dass seine Gasmaskenbilder nicht nur als Auftragsarbeiten oder als Bilder in Geschäften wie zum Beispiel bei Salzig Design in Berlin gefragt sind, sondern dass auch viele Passanten auf der Straße stehen bleiben, wenn sie eins seiner Stencils im öffentlichen Raum sehen. Wenn Le Loup mitbekommt, wie vor allem Touristen gerne mal stehen bleiben, gucken und dann wild fotografieren, feixt er innerlich vor Freude. Was ihn allerdings sehr ärgert: wenn seine Kunst von der Straße geklaut wird. Und das passiert manchmal sogar recht schnell: nachts geklebt, morgens schon geklaut. So etwas macht ihn wütend. Im Gegensatz zu T.O.E. (der übrigens von Le Loup gelernt hat) ritzt er seine Paste-Ups nicht mit dem Cuttermesser ein. „Ich weiß, dass das einige machen, damit der Dieb nichts vom Stencil hat. Aber nach dem Kleben ist das Papier noch so feucht, da hätte ich einfach Angst, es einzureißen.“

© Le Loup

Le Loup klebt seine Stencils übrigens immer persönlich an die Wand und gibt sie niemandem mit, damit er auch in anderen Städten präsent ist. Ausnahme bilden da höchstens die 500 Sticker, die er mal hat anfertigen lassen. Aber die Paste-Ups werden von ihm selbst angebracht. Hauptsächlich in Hamburg, manchmal aber auch in Berlin. „Da ist die Szene schon anders“, meint Le Loup. „Hier in Hamburg ist die Streetart sehr konzentriert zu finden: Schanze, Karoviertel, St. Pauli, Ottensen. In Altona wird es dann schon weniger. In Berlin ist die Kunst viel weitläufiger verteilt. Da findet man überall was.“

© Le Loup

Gerne würde er seine Kunst auch in anderen Städten sehen. Einer der beiden Träume dieses bodenständigen Künstlers ist zum Beispiel eine Klebetour durch die Metropolen dieser Welt. Ein Wunsch, der wohl noch lange Bestand haben wird, denn dafür braucht man eine wirklich große Reisekasse, die Le Loup einfach nicht hat. Und sein zweiter Traum? Dass mal eines seiner Stencils in einem Buch über Streetart abgedruckt wird. „Es gibt zwar massenhaft Fotos von meinen Bildern, was ich ja auch ganz toll finde. Aber die Fotos bei Facebook, Instagram und Co. sind so schnelllebig und vergänglich. So ein Buch wäre da schon was. Das hat Bestand.“ Le Loup lächelt bescheiden, aber seine Augen glänzen, während er das sagt. Ich hoffe aus vollstem Herzen, dass seine Träume eines Tages wahr werden. Und zwar beide. Denn seine Kunst sollte von noch viel mehr Menschen gesehen werden. Sie hat Beachtung verdient.

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