MenscHHen #6: Der Nordafrikaner und die Milchbrötchen

Zur Feierabendzeit ist es am Busbahnhof Altona besonders voll. In der Wartezone und erst recht in den Bussen selbst. Die Menschen wollen nach Hause, sind abgespannt vom Arbeitstag, wollen ihre Ruhe, sind meistens nicht gut drauf. Dementsprechend ist das Gedrängel und Geschubse beim Einsteigen groß und lästig. Weil man meistens Fremdellbogen zu spüren bekommt – und das Gerangel um die freien Plätze ein sehr trostloser Anblick ist.

Auf genau dieses Szenario war ich neulich vorbereitet, als mein liebster Elbläufer und ich mal ausnahmsweise Bus fuhren, weil wir zu einer Weinprobe wollten. Und tatsächlich: es wurde gedrängelt was das Zeug hielt. Ganz hinten am Einstieg war die Menschentraube am kleinsten. Also versuchten wir dort unser Glück. Ich stieg im Elbläuferwindschatten ein, darauf gefasst, dass ich stehend die Sardine bis zur Haltestelle unserer Wahl geben müsste. Aber weit gefehlt. Gaaaaanz hinten waren drei Sitzplätze, auf denen zwei junge Nordafrikaner dick bepackt mit Taschen saßen. Und dann geschah, was in Bussen nicht selbstverständlich ist: die beiden sahen den Andrang, türmten sich sofort ihre Taschen auf die Knie und rückten sogar noch ein Stück zusammen, sodass ich nicht nur einen Platz hatte, sondern auch echte Sitzraumfreiheit. Was für ein Luxus. Schräg vor mir eroberte währenddessen auch der geliebte Elbläufer einen Sitzplatz.

Picknick im Bus

Der Bus wurde voll und voller und schließlich überfüllt und fuhr los. Jetzt nur noch bis zum Ausstieg durchhalten! Als ich so mit meinem busverkrampften Inneren beschäftigt war, wurde ich plötzlich von der Seite angelächelt. Der Nordafrikaner mit den wilden Locken und der abgewetzten Jogginghose strahlte mich an, machte seinen abgegriffenen Rucksack auf und holte eine Tüte mit Billigmilchbrötchen aus dem Discounter heraus. Bevor er sich eins nahm und seinem Kumpel eins gab, hielt er mir die Tüte hin. Deutsch konnte er nicht, aber die einladende Geste, doch bitte auch zuzugreifen, kam von Herzen. Nun war ich aber schon beabendbrotet und dementsprechend satt und lehnte höflich ab. Zuerst auf Englisch, dann mit Kopfgeschüttel und einem Lächeln. Der junge Mann grinste breit zurück und ließ es sich schmecken. Und immer, wenn er sich ein neues Milchbrötchen nahm, wurde mir eins angeboten.

Mir ging dabei das Herz auf, weil da zwei, die so offensichtlich erst neu im Land sind, sich derart herzlich und offen und auch höflich an der Gesellschaft beteiligten, ihrer Umwelt Wärme und Gastfreundschaft schenkten. Plötzlich war es gar nicht mehr so schlimm, in diesem überfüllten Bus zu sitzen. Ich fühlte mich wohl und geborgen in der Gegenwart der beiden jungen Männer. Als ich aber mitbekam, wie ein mittelalter Deutscher mit kurzgeschorenen Haaren, Stiernacken und Arbeiterklamotten die beiden immer wieder mit verkniffenen Mund böse anstarrte, der Blick voller Vorurteile und Verachtung, wurde mir mein Herz schwer. Zugleich war ich aber auch dankbar, dass ich neben den beiden Männern sitzen durfte und nicht neben dem seelenverknitterten Deutschen. Als wir ausstiegen, bekamen die Jungs von mir deswegen noch ein extra breites Lächeln inklusive Handwinkerei  zum Abschied. Und das Fazit? Busfahren ist manchmal echt super.

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11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Schöne Anekdote, die doch gleichzeitig irgendwie einen traurigen Beigeschmack hat, da so etwas eigentlich gar nichts Außergewöhnliches sein sollte bzw. wir es nicht als besonders empfinden sollten. Für mich haben sich da zwei Menschen eben lediglich „menschlich“ verhalten. Unabhängig von Herkunft und Gestalt sollte das eigentlich selbstverständlich sein.

    Aber die Lehre, Menschen nicht nach der Haut zu beurteilen, scheint weniger denn je in der Gesellschaft anzukommen, was das Ganze halt nicht selbstverständlich, sondern erwähnenswert macht. Auch weil Reaktionen wie die des von Dir beschriebenen Mannes leider inzwischen zum täglichen Erscheinungsbild gehören.

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    1. Elbgängerin sagt:

      Genau deswegen habe ich die Begegnung auch aufgeschrieben. Es gibt inzwischen derart viele pauschale Vorurteile Fremden gegenüber, dass es mir einfach ein Bedürfnis war, ein individuelles Erlebnis herauszustellen, dass eben positiv war. Zum Glück habe ich viele solcher Erlebnisse hier in Hamburg. Aber gerade weil die beiden von dem einen Kerl so böse angeschaut wurden, war mir diese Geschichte halt irgendwie wichtig. Hoffentlich ist es ganz bald tatsächlich wieder normal, höflich und menschlich zu sein, sodass so etwas nicht mehr aufgeschrieben gehört.

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      1. Das wäre in der Tat schön. Aber wenn man sich umsieht oder auch manchmal umliest, bleibt das derzeit wohl Wunschdenken. Naja, die Geschichte lehrt uns, dass wir eben nicht ihr aus ihr lernen. Traurig, aber wahr. Sehen wir dennoch in dem Erlebnis einen Hoffnungsschimmer. Es geht, wir müssen halt nur alle wollen.

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      2. Elbgängerin sagt:

        Diesen Kommentar von dir unterschreibe ich bedingungslos!

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  2. Hot Coffee Cool Pictures sagt:

    Freundlichkeit, Anstand und Respekt dem anderen Gegenüber, das ist etwas, was UNS hierzulande mehr und mehr fehlt. Leider.

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    1. Elbgängerin sagt:

      Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir es alle wieder lernen. Es braucht halt Menschen, die es vormachen, die höflich und freundlich sind. Ist ja auch gar nicht so schwierig.

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  3. Ich bin mit einigen Stellen was du schreibst, einverstanden und auch bei dem Deutschen verkniffenden Gesichtsausdruck, nur mit den Angeboten bin ich immer Vorsicht, gerade wenn es Männer sind die einer Frau etwas anbieten! Aus Erfahrung

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    1. Elbgängerin sagt:

      Na ja, man kann auch übervorsichtig sein. Zumal es ja in nem Bus und früher Abend und ne belebte Route war. Und da er die Tüte vor meinen Augen frisch aufgemacht hat: das waren einfach nur zwei liebe und freundliche Menschen. Die gibt es heutzutage ja auch noch. Und zwar zum Glück gar nicht so selten. 😉

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  4. ellen sagt:

    Echte Herzlichkeit ist heute doch für viele ein Fremdwort, oder?
    Ich finde: eine gastfreundliche Geste ist das -Gänsehautfeeling

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    1. Elbgängerin sagt:

      Mir ist da halt auch mächtig warm ums Herz geworden. Deswegen musste ich das auch einfach mit euch teilen. ❤

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