Oberhafen: Kunstausstellung „Und was ist dann?“ von Jonig

Zufall ist manchmal der beste Begleiter, wenn man unterwegs ist. Denn ohne ihn hätten mein Elbläufer und ich vergangenen Sonntag niemals die Ausstellung von Jonig gefunden. Und das wäre jammerschade gewesen, denn Jonigs Bilder lassen mich auch heute noch nicht richtig los.

Dieser Blogbeitrag ist ein Dilemma. Und zwar mal so richtig. Denn eigentlich wollte ich doch über den Oberhafen bloggen. Deswegen bin ich da ja extra mit meinem geliebten Elbläufer hin. Mir war eigentlich schon nach ein paar Minuten klar, dass es wohl zwei Texte werden müssen: einer über die Graffiti am Oberhafen und einer über all die kuriosen Kleinigkeiten, die man da finden kann. In Gedanken war ich schon dabei, die Bilder, die mein Elbläufer fleißig machte, den jeweiligen Texten zuzuordnen, als ich plötzlich klassische Musik hörte. Wo kam die denn her? Da! Aus Halle 4! Wir blieben stehen und linsten hoch zum weit geöffneten Lagertor. Da findet ja gerade eine Ausstellung statt!

Aber Ausstellung? Wollen wir uns darauf einlassen? Wir sind ja eigentlich wegen etwas anderem hier. Aber hey, die Bilder werden so schön vom Boden aus angeleuchtet und scheinen regelrecht im leeren Raum zu schweben. Das ist interessant. Können wir uns ja einfach mal kurz anschauen. Und schon betraten wir die bunte Welt von Jonig.

Halle 4: Viel Platz für Kunst

Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Klar, es wirkt an sich schon sehr imposant, wenn in einem großen, etwas heruntergekommenen Industrielagerraum nur ein gutes Dutzend Bilder zu finden sind – und die meisten davon dank dünner Drähte tatsächlich mitten im Raum hängen und, je nach Blickwinkel, zu schweben scheinen. Und auch die Beleuchtung vom Boden aus … einfach nur genial.

Was mich aber wirklich geflasht hat: die Bilder waren alle höchst unterschiedlich. Von Abstraktionen über Porträts bis hin zu Akten. Grafische Elemente waren ebenso zu finden, wie Skizzen. Halt so ziemlich alles, was man so auf Leinwänden machen kann. Und auf Holz. Und Papier. Puh. Wieviele Künstler stellen denn hier aus? Lohnt sich das überhaupt?

Jonig – ein Künstler, viele Facetten

Und schon kam der nächste Überraschungsaugenblick. Denn nachdem ich in quasi jedem Bild einmal versunken war, wollte ich auch wissen, was ich mir hier genau anschaute und griff am Boden einen Flyer, der da so herumlag. Schon eilte ein junger Mann auf mich zu und drückte mir einen frischen Flyer in die Hand, der noch keine Sohlenabdrücke vorweisen konnte. „Sorry, die Dinger am Boden sind noch von der Vernissage-Performance. Hier, die gibt es auch in neu“, sagte der junge Mann schüchtern und lächelte. Ah! Einer der Künstler! Nein. DER Künstler. Denn das, was der Elbläufer und ich hier sahen, war keine Gruppen-, sondern eine Einzelausstellung. Und zwar des 32-jährigen Künstlers Jonig. Bürgerlicher Name: Johannes Hoenig.

Ja, alle Bilder in ihrer herrlichen Unterschiedlichkeit stammten von eben diesem Jonig. Ob nun das grellbunte Porträt, das nur aus einzelnen Strichen besteht (Expressionismus lässt grüßen) oder das schwarz-weiße naturalistische Porträt der alten Chinesin. Oder das Diptychon mit den Akten. Eine derart stilistische Breite habe ich bei einer Einzelausstellung noch nicht erlebt – was ich Jonig auch staunend sagte. Er lächelte verschmitzt. Das würde er oft hören, deswegen sei es für ihn auch so schwierig, bei einer Galerie unterzukommen, weil er eben nicht nur einen Stil hätte, sondern das malen würde, worauf er gerade Lust hätte – und das sei nun mal sehr viel.

Kunstgenuss ohne Parameter

Und dann führte uns der Künstler durch seine Welt, erklärte, beschrieb Arbeitsprozesse, ließ uns an seinem Farbenleben teilhaben. Höchst beeindruckend. Und extrem sympathisch. Ich musste offen zugeben, dass es für mich schwierig war, mich bei jedem Bild neu auf seine Kunst einzulassen. Es gab keine Parameter des Gewohnten, die man sich bei einer Ausstellung ja schnell erarbeitet, um etwas zu haben, an dem man sich gefühls- und denktechnisch festhalten und entlanghangeln kann. Hier war das nicht möglich. Man musste sich jedes Mal komplett neu auf ein Bild und seine Machart einlassen. Ja, manchmal musste man sich auch einfach fallen lassen. Das kostete emotional schon eine Menge Kraft (zumal ich seit einiger Zeit für Kunst an sich enorm empfänglich und dadurch sehr sensibilisiert bin). Umso schöner war es dann aber, vom Künstler persönlich mehr Informationen zu bekommen. Mir half das sehr, um einen noch besseren Zugang zu seinen Bildern zu bekommen.

Tja, und nun wären wir endlich bei meinem Blogdilemma angekommen. Denn eigentlich wollte ich ja gar nicht explizit über Jonigs Ausstellung „Und was ist dann?“ bloggen. Deswegen hat mein Elbläufer ja auch nur ein Bild vom Künstler gemacht. Da die Ausstellung eh nur vergangenes Wochenende lief, sollte sie eine kleine Randnotiz in meinem Beitrag über den Oberhafen werden. Aber das geht einfach nicht, denn Jonigs Kunst hallt immer noch in mir nach, lässt mich nicht los. Das kann ich doch dann nicht einfach so mit ein paar Zeilen abarbeiten!

Die Kunst, den Zufall zu schätzen

Aber vielleicht konnte ich ja ein wenig auf den Künstler neugierig machen – auch ohne dass ihr die Möglichkeit habt, seine Ausstellung zu besuchen. Falls das der Fall sein sollte: Jonig hat natürlich eine Website, wo ihr viele seiner Arbeiten finden könnt. Und auf Facebook ist er auch.

Und zum Schluss habe ich noch eine Herzensbotschaft an euch: wenn ihr zufällig über eine Ausstellung stolpern solltet, dann geht einfach rein. Schlimmer als nicht interessant kann es ja nicht sein – und dann könnt ihr jederzeit die Füße in die Hand nehmen und abhauen. Aber wenn ihr nicht reingeht, dann verpasst ihr vielleicht ganz tolle Kunst, die euer Inneres zum Wirbeln bringt. So wie es Jonig bei mir geschafft hat. Und so etwas zu verpassen, wäre doch ein echter Jammer. Deswegen: sagt Ja zur Kunst, wenn sie euch begegnet. 😉

© Elbläufer
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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. ellen sagt:

    Sagenhaft vielseitig, find ich sehr spannend und bin beeindruckt von seinen Bildern.
    Danke fürs Teilen, gut dass du diese Ausstellung mitgenommen hast.
    LG
    Ellen

    Gefällt 1 Person

    1. Elbgängerin sagt:

      Hallo Ellen,

      ich bin auch total froh, dass wir spontan in die Ausstellung gegangen sind. Den Künstler werde ich im Auge behalten. Und ein wenig sparen … 😉

      Herzlich
      Nicole

      Gefällt 1 Person

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