MenscHHen #7: Die Obdachlose mit der Wagenkarawane

Kinderwagen und Hackenporsches. Und davon bestimmt so zwölf Stück. Wenn nicht sogar mehr. Darin: ihr gesamtes Hab und Gut. Viele Obdachlose leben mit leichtem Gepäck, aber bei ihr ist das anders. Während ihre langen schwarzen Haare, in die sich immer mehr graue Strähnen mischen, vom Wind wild ins Gesicht geweht werden, nimmt sie sich zwei ihrer Wagen und schiebt sie drei Meter weiter, geht zurück, holt die nächsten beiden. So geht es fünf Minuten. Dann sind sämtliche Habseligkeiten ein paar Meter weitergewandert. Und das Spiel beginnt von vorn.

Meter um Meter arbeitet sich die dunkel gekleidete Frau im schlabberigen Lagenlook mit ihren Sachen die Speicherstadt entlang. Morgens geht es auf der Wasserseite den Weg entlang, abends auf der anderen Straßenseite dann wieder zurück. Meistens ist sie irgendwo rund um die Ausgänge der U-Bahn-Station Meßberg anzutreffen. Wohin sie geht, woher sie kommt? Ich weiß es nicht, habe es nie beobachten dürfen. Sie ist halt einfach immer schon da, teilt mit mir und allen, die es sehen wollen und können, diese Lebensmomentaufnahmen. Atemausschnitte eines ausgestoßenen Daseins.

Wenn es sehr, sehr früh ist, kann man ihr bei der Morgengymnastik zuschauen. In die Luft gereckte Fäuste. Manchmal zur Salzsäule erstarrt. Eine zornige, eine trotzige Geste, die fasziniert. Im Winter stecken ihre knochigen, winzigen Finger in Fäustlingen. Einen Schal trägt sie nie. Und wenn es regnet, baut sie mit ihrem Wagenpark einen Schutzwall um sich herum. Textile Wände, in deren Inneren sie als kaum zu sehende Königin herrscht. Eine blaue Plane ist ihre Bettdecke, den Regen halten vier Schirme fern. Alles, was sie ist und hat, zieht und schiebt sie ständig mit sich herum. Der Besitz macht sie langsam, es scheint sehr mühsam, ihn zu transportieren. Und trotzdem macht sie es. Tag für Tag. Morgens hin, abends zurück. Denn es ist ihr Besitz. Ihre Art zu leben. Das lässt sie sich nicht nehmen.

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. ellen sagt:

    Außergewöhnlich- so etwas „sperriges

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  2. ellen sagt:

    …..hab ich noch nie gesehen. Verrückt …irgendwie

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    1. Elbgängerin sagt:

      Irgendwie schon. Aber eben auch irgendwie sehr liebenswert ❤️

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      1. Samson sagt:

        Liebenswert find ich etwas zu einfach gesagt. Du solltest sie mal fragen, ob sie ihr Leben liebenswert findet und den Umstand in dem sie lebt. Vielleicht kann sie es nicht anders und ich denke glücklich ist sie auch nicht damit aber hat sich arrangiert. Jedesmal wenn ich sie sehe, oftmals an anderen Ecken fällt sie mir auf und ich denke jedes mal wie schwer dieses Leben sein muss. Was ist ihr widerfahren, warum muss sie diesen Gang nach Canossa jeden Tag aufs Neue auf sich nehmen? Wenn ich sie sehe werd ich traurig und finde es schlimm, dass für sie kein Platz in dieser Gesellschaft ist und das hinterfragt wieder diese Gesellschaft. Wie gefühlsloser werden wir. Finden etwas ausserhalb der Norm vermeintlich schön obwohl es evtl. grausam sein kann. Jeder Mensch ist wertvoll. Ich wünschte jemand würde sich um sie kümmern, oder ihr einfach einen Garten schenken wo sie ihre Aufgabe hat, nicht das alltägliche herschieben ihrer Dinge. Vielleicht halt ich einfach mal an und helfe ihr beim schieben, wenn ich eigentlich an ihr mit dem Auto vorbei rausche. Vielleicht will sie dies aber auch nicht und würde ihr System durcheinander bringen. Auf einen Versuch kommt es an.

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      2. Elbgängerin sagt:

        Es kommt auf jeden Fall auf einen Versuch an. Ich persönlich würde es großartig finden, wenn du mal anhälst. Letztlich habe ich es ja mit Katja, einer Obdachlosen bei mir in der Nähe auch so gemacht: https://elbgaengerin.wordpress.com/2017/02/27/menschhen-5-katjas-leben-auf-der-strasse/
        Inzwischen ist da sogar ne Freundschaft draus entstanden. Obwohl ich auch schon Obdachlose angesprochen habe, die tatsächlich in Ruhe gelassen werden wollten. Fragen kostet ja nix.
        Ich habe mich damals halt bewusst dazu entschieden, nur zu helfen, wenn ich es auch dauerhaft und regelmäßig machen kann. Ein Gespräch, eine helfende Hand, ist bestimmt besser als nichts, aber für mich persönlich ist es halt wichtig, dauerhaft zu zeigen, dass der Mensch, mit dem ich mich auf Augenhöhe unterhalte, nach wie vor zur Gesellschaft gehört und nicht ausgeschlossen wird. Deswegen stimmt es mich gerade auch sehr traurig, dass du durch meinen Text den Eindruck gewonnen hast, für mich gäbe es eine Lebenswertigkeit. Das Gegenteil ist nämlich der Fall.

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