Rumo. Das Interview.

Kaum habe ich meinem Fangirlgehabe in Sachen Rumo hier auf meinem Blog mal wieder kräftig ausgelebt, kam der nächste Freudentaumel in Form einer Nachricht vom Künstler selbst. Nachdem er vor ein paar Monaten meine Interviewanfrage abgelehnt hatte, wollte er nun doch. Schriftlich, versteht sich. Und anonym. Versteht sich auch. Und weil Rumo halt Rumo ist, ist das Interview ein wenig … außergewöhnlicher geworden. Viel Spaß damit!

Warum machst du Streetart?

Er sitzt am Tisch am Fenster. Leichte Windböen fließen durchs halb offene Fenster und umschmeicheln sein markantes, männliches Gesicht. Er verengt seine Augen zu schlitzen. Blickt bescheiden und nachdenklich gen Himmel. Gen Unendlichkeit. Seine ausgeglichene und gelassene Art lässt kaum vermuten, dass ein Weltstar, ein Ausnahmekünstler vor einem sitzt. Seine 257 Instagram-Follower würde ihn wohl nie auf der Straße erkennen. Oh 263. Scheinbar haben die Chinesen endlich ihr Geld bekommen. Er nimmt einen kräftigen Zug glühenden Tabak, bläst den Rauch zu den Wolken und lässt seine Worte folgen.

„Geld. Ruhm. Frauen. Es sind halt die 0815-Intentionen eines jeden Künstlers. Eines jeden Menschen. Wir Künstler haben halt nur ein paar Stufen mehr erklommen und blicken auf den Pöbel herab. Schon der Titel „Künstler“ bringt einem seinen Traum von einer Villa und Butler näher. Was früher Könige und Kaiser waren, sind heute Künstler. UND ICH WILL EIN STÜCK VON DIESEM VERFICKTEN KUCHEN!!!
Es ist ja nicht so, dass es in einem rumort. Dass man nachts aufwacht und schlaftrunken den von Bierflaschen umzingelten Notizblock versucht zu ertasten. Unleserlich was rein kritzelt und dann mit einem Lächeln wieder einschläft. Es ist ja nicht so, dass man bei jedem Schritt in dieser Welt mit Werbung, Dummheit und Stumpfheit zugeballert wird und dem etwas entgegen stellen will. Wir leben im Kapitalismus. Da muss man ALLES kapitalisieren. Selbst Antikapitalismus-Attitüden. Man will den Menschen ja kein Lächeln ins Gesicht zaubern oder ihren stupiden und komatösen Hirnen einen Gedanken injizieren, um das Organ mal andere Bilder, als Titten und Angebote verarbeiten zu lassen, sondern man will auf das wertvolle Gut auf ihren Kontos.“

Seit wann bist du dabei?

Sie dreht verspielt an ihrer blonden Haarsträhne, welche sich um ihr makelloses Gesicht wellt. Sie wirkt abwesend. Die Kippe klebt an ihrer Unterlippe, weshalb sie mit der anderen Hand, mit einem massiven Messer, fast schon einer Machete, Muster in den Tisch schnitzen kann. Sie bläst den Rauch zum Tisch und die Klinge spaltet ihn. Der Qualm verliert sich in der Länge des Tisches und die traurigen Überreste prallen gegen die Wand und verschwinden im Nichts.

„Die Kippe rauche ich seit vielleicht 4 Minuten. Am Tisch sitze ich seit ner guten Viertelstunde. Meine Augen sind heute seit 3 Stunden auf. Das Essen von gestern verdaue ich seit gestern Abend.“

Kaum merklich fallen ihre Augen zu. Ihr strahlendes Grün verschwindet hinter den Lidern. Der Kopf senkt sich erst langsam und dann mit der Geschwindigkeit eines herabstürzendes Meteors. Der Tisch stoppt den Senkflug. Sie schreckt auf.  Blickt sich verwirrt um. Die Augen nun weit aufgerissen.

„ICH BIN DABEI!“

Wie bist du eigentlich zu deinem Straßennamen Rumo gekommen?

Er zieht sich mit einer hastigen Handbewegung seinen Hut tiefer ins Gesicht. Sein selbstbewusstes Antlitz scheint Risse zu bekommen. Schweißtropfen rinnen an seinen flatternden Augen vorbei. Der Blick wendet sich von der Außenwelt ab. Richtet sich zum Boden, doch vergräbt sich eigentlich in seine Erinnerungen. Mit zittriger Stimme beginnt er zu berichten. Raucht mittlerweile nur noch den Filter seiner Kippe.

„Das ist wohl unserem gänzlich genial und unfehlbaren Bildungssystem zu verschulden. Ich durfte die wundervolle Erfahrung genießen, auf einer Party einzuschlafen. So eine Situation macht natürlich aus dem sympathischten und liebsten Menschen der Welt ein Arschloch mit Marker. Einen Künstler.
Was auf meiner Stirn mit Sicherheit „Penis“ heißen sollte, lies sich jedoch wenn überhaupt als „Rumo“ entziffern. Und da der Scheiß nicht abgeht, habe ich mir ein Cape übergeworfen und betrete nur noch nachts die Welt außerhalb meiner vier Wände.“

Du gehörst zu den ganz wenigen Streetartists, die komplett unkommerziell unterwegs sind. Ist das eine Grundsatzentscheidung oder hat es sich so ergeben?

Sie schwebt zum Kühlschrank. Greift ins unterste Fach. Ihre schlanken Finger umschließen ein wohl gekühltes Bier und befreien es aus dem kalten Gefängnis. Sanft öffnet sie es mit ihrer Augenhöhle und nimmt einen tiefen Schluck. Dann schreitet sie den endlos wirkenden Flur entlang, vorbei am Billardzimmer, vorbei am Heimkino, vorbei am Pool, zurück zum Tisch am Fenster. Dabei zieht sie mit einem Marker einen langen Strich an der Wand längs. Hänsel-und-Gretel-Style, falls sie sich verläuft. Ist ja nicht ihr Haus.
Endlich wieder auf ihrem Thron angekommen, ist das Bier leer. Sie wirft die Flasche gegen die Wand und beginnt…

„Hat dir mein Agent nicht mitgeteilt, dass ich für jedes Interview, dein Erstgeborenes einfordere, um es dann an Adidas als billige Arbeitskraft zu vermieten? Aber stimmt, Kinder sind ja kein Geld. Unkommerziell.“

 

Du machst aber auch Kunst fernab der Straße, oder?

Die Klospülung geht ihrem Job nach und erfühlt die Räume mit einem wolligem Rauschen, welches einem kurz an Urlaub, Strand und Sonne denken lässt. Er ist auf sein Smartphone fixiert und postet sein gerade erschaffenes Werk auf allen Netzwerken.

„Was war die Frage?“

Apropos Kunst … Ist Streetart denn nun Kunst oder Vandalismus oder was anderes?

Sie hat nun damit begonnen, mit einem Vorschlaghammer das Innenleben der Wände nach außen zu tragen. Steine, Kabel, Isolierung, Rohre und eine eingemauerte, halb verweste Leiche bilden nun einen Berg, während Wasser aus der Wand strömt und sich gefährlich an die offen liegenden Stromleitungen schleicht. Sie nimmt ihren Marker und schreibt „Rumo“ auf den Boden.

„Ich hoffe doch beides. Bzw. ist Vandalismus nicht auch ne Kunstform? Was ist die Motivation dahinter? Was die Aussage? Wir haben viel zu viel Respekt vor Dingen und viel zu wenig vor den wirklich wichtigen Dingen.“

Sie legt sich neben den Leichnam auf den Berg und schießt ein Selfie. Balken vor ihre Augen und ab ins Netz.

Wie wichtig ist Anonymität für dich?

Er erstarrt kurz. Es ist nicht zu erkennen, ob er nachdenklich oder entschlossen ist. Zweifelt oder die Spannung, welche diese Frage in die Atmosphäre verströmt, noch kurz genießen will. Die Glut seiner Kippe hat den Filter schon lange hinter sich gelassen, überwunden und hat begonnen, die Unterlippe und den Kiefer zu zerfressen. Er raucht weiter. Seine Hände gleiten langsam zu seiner Hose, öffnen Gürtel und und Hosenstall. Seine Hose verschwindet. Er streift sein Shirt ab. Wirft seine Unterhose von sich. Bei den Socken zögert er kurz. Doch selbst diese müssen schließlich weichen. Er nimmt eine heroische Pose an. Kaum zu glauben, dass er vor Schmerzen weder schreit noch zusammenbricht. Die Glut hat seinen Unterkiefer gänzlich zerstört und arbeitet sich nun über die Wangen und Nase Richtung Haaransatz. Kommunikation ist nur noch schriftlich möglich. Er tippt.

„Ich bin Banksy. Nun ist es raus.“

Deine Arbeiten sind oft politisch oder auch gesellschaftskritisch. Wie wichtig ist dir die Auseinandersetzung mit solchen Themen?

Sie streift sich die Asche von ihrer nackten Schulter. Die Wirbelsäule ragt aus dem Loch der mal ihr Hals war und wackelt geschmeidig hin und her. Wie ein Räucherstäbchen verströmt sie dabei einen zarten Rauchfilm. Sie schüttelt ihre Hände aus. Lässt ihre Finger in ihre Finger in einandergleiten. Lässt sie knacken und beginnt zu tippen.

„Nazis sind scheiße! A.C.A.B.! FCK AFD! “

Du sagst ja, dass du deine Kunst nur für dich machst. Fühlst du dich trotzdem geschmeichelt, wenn deine Arbeiten via Facebook und Instagram geteilt werden oder pellst du dir da ein Ei drauf?

Seine eine Hand zieht unaufälllig eine zufällig herumliegende Decke über seinen Unterleib. Die andere Hand verschwinden fast unmerklich unter ihr. Rhythmisch hebt und senkt sich der Stoff.

„Da steh ich drüber. Ist zwar gut zu wissen, dass die Sachen nicht übersehen werden, aber es gibt auch wichtigeres.“

Der Rhythmus wird immer schneller und härter. Der dadurch entstehende Wind facht die Glut, die da, wo sein Kopf mal war, keine Nahrung mehr findet, immer mehr an und sie beginnt sich abwärts zu fressen.

Im April hat die französische Tageszeitung „Le Monde“ dein Merkel-Stencil veröffentlicht und dich auch kurz interviewt. War das ein Highlight für dich, weil du dich zu deiner Kunst äußern konntest? Oder war es Nervkram?

Sie fängt an zu zucken und zu stöhnen. Ihre Hand kreist und hämmert wie wahnsinnig unter dem Tisch. Mit der anderen Hand beginnt sie zittert zu tippen.

„Ich widme mich keinem Nervkram. Ich lebe doch recht spaßorientiert. Und mache meist nur das, worauf ich Bock habe.
Was mich aber tatsächlich ein bisschen genervt hat, war, dass es so ein simples, stupide provokantes, plakatives, künstlerisch anspruchsloses Stencil von mir in ne Zeitung geschafft hat. Aber naja, guck dich um. Man darf die Gesellschaft scheinbar nicht überfordern.“

Sie schließt ihre Augen. Röchelt. Stöhnt. Kommt. Lässt sich fallen. Ihr Stuhl kippt nach hinten und der von der Glut zersetzte Körper zerfällt zu Asche…

Was denkst du über die Streetart-Szene in Hamburg?

Draußen zieht sich der Himmel zu. Der Wind biegt die Bäume bis zum Boden. Menschen rennen panisch in ihre Häuser. Das Fenster wird aufgeschlagen. Aufgebrochen. Die Asche verweht und verliert sich in der Unendlichkeit der Bedeutungslosigkeit.

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7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Freut mich, immer ein wenig mehr von Rumo zu erfahren. Schön das es doch noch mit dem Interview geklappt hat 🙂

    Beste Grüße aus dem kleinen Städtchen nebenan !

    Gefällt 1 Person

    1. Elbgängerin sagt:

      Ich feier es hier auch noch hart, dass Rumo zugestimmt hat. 😍

      Gefällt 1 Person

      1. Das glaub ich dir 🙂

        Gefällt 1 Person

  2. ellen sagt:

    Habe ich gern gelesen…schon verrückt, aber klasse!
    Lieben Dank dafür!
    Ellen

    Gefällt 1 Person

    1. Elbgängerin sagt:

      Sehr, sehr gerne doch, liebe Ellen. Ich habe ja nun schon (vor allem beruflich bedingt) viele Mail-Interviews in meinem Leben geführt. Aber das hier ist wirklich mit seeeehr groooooßem Abstand das beste! 😀

      Gefällt 2 Personen

      1. ellen sagt:

        Das hat mich richtig gefesselt! 😊

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  3. F.P.T. sagt:

    Stabil! 👌

    Gefällt 1 Person

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