Tschüssi, lieber Sommerdom

Drei Mal im Jahr ist Domzeit hier in Hamburg und damit auch für mich. Und für alle Nicht-Hamburger: Nein, da gehe ich nicht in die Kirche. Denn der Dom, das ist unser Rummel, unsere Kirmes, unser Schaugeschäftundfahrvergnügen.

Mit dem Dom verhält es sich ja wie folgt: entweder man liebt ihn oder man hasst ihn. Eine Meinung dazwischen gibt es nicht. Die einen finden die Massenkonsumplattspaßunterhaltung toll, den anderen ist der Dom zu voll – und vor allem zu teuer.

Ihr könnt es euch zwar schon denken, aber ich liebe den Dom. Wider besseren Wissens, übrigens. Denn ja doch, gerade am Wochenende ist es immer rappelvoll und laut und nervig, weil die Teenager und lebensfrustrierten Erwachsenen bereits um 18 Uhr schon hackedicht sind und dir ihren Bieratem in den Nacken hauchen, wenn sie nicht gerade vor deinen Füßen und damit in deinem Weg herumtorkeln. Es wird gebrüllt und schrill gelacht, unschuldige Schulmädchen mutieren optisch zu Nachwuchsnutten während die Milchbubis mal den ganz harten Kerl geben und sich dementsprechend unangenehm aufplustern. Und dann gibt es da noch die Familien. Meist traurige oder genervte Väter, genervte oder überforderte Mütter, quängelnde oder rumzickende Kinder. Das Familienidyll der trauten Gemeinsamkeit sieht man jedenfalls selten. Und fast hätte ich jetzt die ganzen Junggesellinnenabschiede vergessen, die sich grüppchenweise in lächerlicher Kleidung über den Dom wälzen. Ja, das ist schon alles sehr speziell.

© Elbgängerin

Und ich liebe es. Denn wenn drei Mal im Jahr Dom ist (nur der Herbst hat als Jahreszeit keinen eigenen Dom abbekommen), dann mutiert Hamburg zum Dorf – zumindest menschlich gesehen. Denn all die eben von mir beschriebenen Menschenklischeetypen gab es schon anno dazumal in meinem niedersächsischen Heimatdorf, wo die aktuelle Dorfschönheit bereitwillig die Beine breit machte, wenn man nur genügend Feigenschnaps in sie hineinschüttete und die Möchtegernrambos ihre augestauten Langeweileaggressionen endlich mal beim Autoscooter loswerden konnten.

© Elbgängerin

Das alles findet man auf dem Hamburger Dom – ebenso wie die Grillstände, die nach wie vor Schaschlik verkaufen. Zusammen mit dem Geruch von Zuckerwatte, Liebesäpfeln und gebrannten Mandeln ist das ein Garant für nostalgische Kindheitserinnerungen, die sich mit den Erfahrungen der Jugend mischen, sodass der abgefuckte Blick hinter die bunter Glitzerkulisse schon irgendwie gar nicht mehr so schlimm ist, sondern einfach halt dazu gehört. Ich mag diese Mischung aus Trost- und Hoffnungslosigkeit, die im Schein der bunten Blinklichter verzerrt und verfremdet wird und dadurch plötzlich ganz harmlos daherkommt, wirklich sehr.

© Elbgängerin

Wobei ich mich auch einfach nur mal gerne an der Oberfläche treiben lasse. Denn im Gegensatz zur Dorfkirmes hat Hamburg in Sachen Fahrgeschäfte natürlich viel, viel mehr zu bieten: Free Fall Tower, Wasserbahnen, Achterbahnen – und neuerdings gibt es sogar Dr. Archibald, wo man dank Technik und spezieller Brille in eine virtuelle Realität abtauchen kann. Eigentlich wollte ich ja gestern, als wir es am vorletzten Tag vom Sommerdom gerade noch so auf selbigen geschafft haben, unbedingt da rein. Schließlich waren die Hamburger Medien voll mit Lobeshymnen zu Dr. Archibald. Aber eine halbe Stunde Wartezeit für drei Minuten Vergnügen? Öh, nein. Da warte ich lieber bis zum Frühjahrsdom. Da soll Dr. Archibald nämlich auch wieder da sein.

© Elbgängerin

An so einem vorletzten Domtag ist es natürlich besonders voll. Vor allem, wenn Samstag ist und auch noch das Wetter mitspielt. Und trotzdem habe ich all die bunten Lichter, die Besoffenen, die Abseitigen, die Runtergekommenen ebenso mal wieder ins Herz geschlossen, wie die strahlenden Kinderaugen und den süßen Zuckergeruch. Der Dom lebt halt von seinen Kontrasten. Er ist eine Parallelwelt mitten in der Großstadt. Ich bin froh und dankbar, dass wir es gerade noch so auf den Sommerdom geschafft haben. Denn jetzt heißt es erst einmal warten. Bis zum Winterdom ist es noch verdammt lange hin.

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christiane sagt:

    Ich bin ein Zwitter: Ich liebe ihn UND ich hasse ihn. Und die Gründe hast du ganz hervorragend aufgelistet und SEHR sehr schön bebildert. Konsequenterweise war ich nicht auf dem Sommerdom. Aber vielleicht schaffe ich den Winterdom ja mal wieder … 😉
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Elbgängerin sagt:

      Auf dem Winterdom geht es ja meistens auch etwas gesitteter zu…. Zu kalt für zuviel nackte Haut. Obwohl … nein, vergiss das. Ich habe vergessen, den Glühwein mit einzuberechnen. 😉

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  2. hansearte sagt:

    Ich bin 100 km von Hamburg entfernt aufgewachsen und der Hamburger Dom war immer ein großes Highlight für mich.

    Hier und wirklich auch nur hier habe ich sie zum ersten mal gesehen. Sie trugen sehr weite Hosen, gerne auch mal in neonfarben. Dazu meistens einen Kaputzenpulli. An den Hosen baumelten gefühlt hunderte Bändern herunter. Kennst Du diese Leute? Es ist wirklich verrückt, denn ich habe diese Domgestalten ausschließlich auf dem Hamburger Dom gesehen und nirgendwo sonst. Und, sie gehören zu den Menschen die gegen jeden modischen Trend immun zu sein scheinen.

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    1. Elbgängerin sagt:

      Nee, diese Leute sind mir nie aufgefallen. Muss ich beim Winterdom unbedingt mal drauf achten.

      Gefällt mir

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