Coming in circles: „Orpheus“ am Thalia Theater

Mit dem Beisatz „Eine musische Bastardtragödie” wurde unter der Regie von Antú Romero Nunes der griechische Mythos „Orpheus“ Anfang September im Thalia Theater uraufgeführt. Ich habe mir die Vorstellung am 28. September angeschaut.

Eigentlich will Orpheus, noch berauscht von einer sprichwörtlich göttlichen Trance-Musiknacht, nur ein wenig Morgensex mit ihrer Eurydike haben. Irgendwo muss man seine lustvolle Euphorie, mal wieder als genialste Musikerin aller Zeiten gefeiert worden zu sein, ja lassen. Erst nach einigen Grobfummelversuchen bekommt Orpheus mit, dass ihre Eurydike tot ist. Zeus hat sie nämlich nach einem sehr kongenialen Rap derart heftig vergewaltig, dass ihr nur das Sterben blieb. Und so wird Orpheus als hysterisch wimmernde Witwe von Apollon fort vom Kadaver über die Bühne geschleift, während sich der Hades in Form einer Plastikplane über Eurydike schmiegt. Noch einmal umarmen sich die Liebenden leidenschaftlich. Ganz dicht. Und doch getrennt. Von eben jener Plastikplane.

Dieser rührende, dieser innig-verzweifelte Moment ist nicht der einzige, der in Nunes Inszenierung zeigt, dass man einen Stoff auch bei starker Verfremdung ernst nehmen und hoch halten kann. Denn ja, Orpheus, der beste und genialste Musiker, der laut griechischer Sage je auf Erden lebte, ist hier eine Frau. Und was für eine! Lisa Hagmeister gibt sich als Orpheus cool und lässig, leidet dann aber ganz wunderbar, als ihre Eurydike ins Totenreich muss. Nüchtern ohne Pathos lässt sie einen mitleiden, ohne dass es schmierig wird. Zwar kommt dabei nun wahrlich kein engelsgleicher Klang aus ihrer Kehle, aber das muss er auch gar nicht. Wie soll man denn schon den besten Sänger ever imitieren? Oft scheitern ja schon Opernsänger bei Gluck in der gleichen Rolle daran! Mit dünnem Stimmchen singt Lisa Hagmeister die Chansons, die ihr Anna Bauer und Johannes Hofmann auf den Leib komponiert haben und ergötzt sich zugleich auch an den Raps und der Elektromusik aus der Feder der beiden.

Eine zweite Chance für Orpheus

Ihr gegenüber wird die Eurydike der Marie Löcker mit ihrer wilden roten Wuschelmähne gestellt, die empört auf und ab wippt, wenn sie mal wieder etwas sagen will, aber nichts sagen kann, weil sie halt taub und auch stumm ist. Die Gehörlose und die beste Musikerin überhaupt geben hier das Liebespaar. Was als kleine und sehr intim dargestellte Sexorgie beginnt, die sogar das Klavier rauchen lässt, endet in einer handfesten Partnerschaft mit Höhen und Tiefen, der selbst die Götter, die hier als ganzkörpergekalkte Zombie-Gestalten mit tonverklebten Haaren egozentrisch daherkommen während lauter klug-zynische Worte und Lebensweisheiten von Schiller und Nietzsche aus ihren Mündern kullern, nichts anhaben. Bis eben Zeus Eurydike zu Tode missbraucht. Wobei es Eurydike in der Unterwelt so schlecht nicht hat. Schließlich lässt sie Hermes wieder hören und sprechen. Gut, der Götterbote bereut seine Großzügigkeit recht schnell. Denn kaum dazu in der Lage, plappert und quatscht Eurydike in einer Tour und quasselt sich in einen wichtigen Banalitätenrausch. Mit breitem bayerischen und österreichischen Mischdialekt. Was nervig ist, keine Frage. Was sie aber irgendwie noch menschlicher – und vor allem: noch alltäglicher macht.

Was folgt, ist bekannt: Orpheus macht sich in den Hades auf, bekommt die Göttererlaubnis, ihre Eurydike wieder mitzunehmen. Einzige Bedingung: Orpheus darf sich auf dem Weg hinaus aus dem Hades nicht nach ihrer Geliebten umdrehen. Sie tut es trotzdem. Ende. Bei Nunes geht das recht schnell. Muss es auch. Denn bei ihm bekommt Orpheus eine zweite Chance. Dieses Mal wird Eurydike auf dem Weg zum Altar brutalst abgestochen, damit sie erneut mitgenommen werden darf. Dieses Mal dreht sich Orpheus nicht um, denn sie ist sich sicher, dass nichts im Leben vorherbestimmt ist, dass man als Mensch sein Schicksal selbst bestimmen kann. Eurydike sieht das anders: man kann seinem Schicksal nicht entkommen. Die beiden großen griechisch-antiken Dramatikansichten prallen hier also aufeinander. Letztlich bekommt Eurydike recht, muss aber einen hohen Preis dafür zahlen. Sie kann mit Orpheus nicht mithalten, fällt zurück, bleibt in der Unterwelt. Tatsächliches Ende.

„Orpheus“: Schauspiel in seiner ursprünglichsten Bedeutung

Was bleibt, ist die Frage, ob man denn so mit einem großen Mythenstoff umgehen darf. Ja, darf man. Denn Thalia-Hausregisseur Antú Romero Nunes verfremdet die legendäre Sage zwar, um sie zeitgemäß und damit nahbarer zu machen, bleibt aber immer ganz dicht an den Figuren selbst dran, nimmt sie ernst und opfert sie nicht auf dem Billigaltar der schnellen Publikumslacher, wie es leider noch viel zu häufig auf dem Theater passiert. Behutsam führt er die Liebenden in den tragischen Abgrund und lässt die zynischen, von der Welt gelangweilten Götter dabei Spalier stehen. Hinzu kommt eine enorme Körperlichkeit. In den ersten gut 40 Minuten wird auf der Bühne kaum gesprochen. Warum denn auch? Orpheus und Eurydike leben ganz prächtig allein auf der kargen Drehbühne. Dank Eurydikes Handicap sind Worte eh überflüssig. Ohne Musik indes geht für Orpheus nichts. Klanggenuss, der auch das Publikum erfreut. Das ist „Schau“ und „Spiel“ in seiner ursprünglichen Bedeutung. Schauspiel in seiner ganzen Intensität, die vor allem über die Körper der Darsteller transportiert wird und derart sogwirkend ist, dass man seinen Blick kaum von den fein aufeinander abgestimmten Bewegungen wenden kann. Wundervoll!

P.S.: Gerne hätte ich euch an dieser Stelle ein paar Bilder von dieser faszinierenden Inszenierung gezeigt. Aber leider sind die Pressefotos vom Thalia Theater allesamt nach der Premiere konsequent honorarpflichtig. Meine Mails diesbezüglich wurde von den Pressedamen nicht beantwortet. Was schade ist. Aber immerhin habe ich noch den Trailer für euch im Netz gefunden:

„Orpheus“ läuft in dieser Spielzeit regelmäßig am Thalia Theater Hamburg. Die nächsten Termine sind der 5., 14., 23., 29. Und 30. Oktober 2018. Weiter Informationen findet ihr auf der Website vom Thalia Theater.

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