Ausstellung „Anton Corbijn. The Living and the Dead“ im Bucerius Kunst Forum

Wann wird aus Kommerz Kunst? Und vor allem: können fotografische Auftragsarbeiten überhaupt Kunst sein? Aber ja, und wie! Das ist zumindest mein Fazit nach einem Besuch der Ausstellung „Anton Corbijn. The Living and the Dead“ im Bucerius Kunst Forum, die dort noch bis zum 6. Januar 2019 zu sehen ist.

Anton Corbijn, The Living and the Dead, Bucerius Kunst Forum, Hamburg
Die Ausstellung „Anton Corbijn. The Living and the Dead“ läuft noch bis zum 6. Januar 2019 © Ulrich Perrey/Bucerius Kunst Forum

Zugegeben, vor knapp zwei Jahren hätte ich die Frage, ob in Auftrag gegebene Musikerporträts nicht nur einen kommerziellen Wert haben, sondern auch Fotokunst sein können, wahrscheinlich verneint. Zu eng schien mir die monetäre Verknüpfung, zu kreativ abhängig das Sujet. Meine Einstellung änderte sich erst, als ich eine Reportage über zwei höchst unterschiedliche Fotografen schrieb, die im klassischen Musikbereich Künstler mit ihrer Kamera porträtierten. Ja, sie erhalten Geld für ihre Werke; und ja, was mit den Fotos gezeigt und erzählt werden soll, ist vorher eng mit dem Markting des jeweiligen Plattenlabels abgesprochen. Und trotzdem. Dieser Ausdruck! Diese Individualität! Dieser persönliche Fingerabdruck des Fotografen! Diese Seelensichtbarmachung der Musiker! Das war Kunst. Ganz große Fotokunst. Keine Frage.

Dementsprechend neugierig war ich auf die Ausstellung „Anton Corbijn. The Living and the Dead“ im Bucerius Kunst Forum. Obwohl die Schau, die Corbijn übrigens höchst selbst gemeinsam mit dem Kurator Dr. Franz Wilhelm Kaiser zusammengestellt hat, bereits seit Anfang Juni läuft und ich nur einen Katzensprung entfernt arbeite, habe ich es erst jetzt geschafft, mir die Fotos anzuschauen – und werde es wahrscheinlich vor dem Ende des Ausstellung noch einmal tun. Weil sie mich derart geflasht hat.

Anton Corbijn, The Living and the Dead, Bucerius Kunst Forum, Hamburg
Mit Nick Cave ist auch einer meiner persönlichen Musikhelden ausstellungstechnisch dabei © Ulrich Perrey/Bucerius Kunst Forum

Musikerlegenden en masse

Die Schau gliedert sich in zwei Teile, die zwar räumlich voneinander getrennt sind, die sich inhaltlich aber auch so perfekt kontrastieren. Im Erdgeschoss findet man 77 der wohl bekanntesten Musikerporträts von Corbijn aus 40 Jahren seines Schaffens. Ob nun Tom Waits, Nick Cave, Depeche Mode, U2, Joy Division oder die Rolling Stones – Corbijn hat die ganz Großen seiner Generation vor die Linse bekommen und im Auftrag abgelichtet. Sein Durchbruch mit diesen Musikerfotos gelang dem 1955 in den Niederlanden geborenen Fotografen in den 1980er-Jahren. Seine Bilder wurden vor allem für ihre Ikonenhaftigkeit gehypt.

Wobei Corbijns ästhetisches Alleinstellungsmarkmal, die oft vorherrschende Grobkörnigkeit seiner Bilder, eher aus einer Not namens defekter Kamera denn aus künstlerischer Intention heraus entstand. Was aber gar nicht wichtig ist. Stil ist nun mal Stil – egal, wie man zu ihm gefunden hat. Anton Corbijns Musikerporträts haben eine großartige Sogwirkungen, kommen sie doch allesamt leicht arrogant und distanziert herüber, sind zugleich aber trotzdem unheimlich natürlich und dadurch nahbar. Auf seinen Fotos findet man keine Stars, sondern Menschen, die etwas zu sagen, die etwas auszudrücken haben. Und so wird aus dem kommerziellen Entstehungshintergrund dann eben sehr schnell sehr gute Kunst.

Anton Corbijn, The Living and the Dead, Bucerius Kunst Forum, Hamburg
Hier ein kleiner Blick auf die fotografierten Grabmonumente © Ulrich Perrey/Bucerius Kunst Forum

Bei Anton Corbijn stehen sich Tod und Legende gegenüber

Obwohl … so RICHTIG geht es mit der Kunst bei Anton Corbijn ja erst im Obergeschoss der Ausstellung los. Denn der zweite Teil der Schau widmet sich ausschließlich den freien Arbeiten des Fotografen. Hier gibt es gleich mehrere feine Gegenüberstellungen, die für mächtig viel kontrastreiche Betrachterspannung sorgen. Grob gesagt werden die beiden Serien „a.somebody“ und „Cemeteries“ gegenübergestellt. Letztgenannte wird hier in Hamburg übrigens zum allerersten Mal überhaupt der Öffentlichkeit präsentiert, obwohl sie bereits im Jahr 1982 entstand – nämlich als Corbijn gerade dabei war, erstmals mit Aufträgen überhäuft zu werden. Durchbruch nennt man wohl so etwas. Als also alles bestens für ihn läuft, beginnt Corbijn plötzlich, aus freien Stücken auf verschiedenen Friedhöfen Grabmonumente zu fotografieren. Erfolg macht nicht unsterblich. Und über die eigene Endlichkeit darf man ruhig schon mal nachdenken. Vor allem, wenn es derart künstlerisch ausgefeilt geschieht.

Komplettiert wird die Ausstellung dann von der Serie „a.somebody“, die in den Jahren 2001 und 2002 entstand. Zum einen reiste Corbijn dafür in sein Heimatdorf Strijen und nahm sich selbst in der idyllischen Landschaft auf. Er schlüpfte dabei in die Gestalt seiner Musikidole, wurde dank Schminke und Kostüme zu John Lennon oder Jimi Hendrix. Nach eigenen Aussagen arbeitete Corbijn so seine Kindheit auf, die geprägt war von dem Glauben an ein Leben nach dem Tod (sein Vater war Pastor) und dem Drang, der Provinz mit Hilfe der Musik zu entkommen und endlich selbst wer zu sein. Dass Corbijn sich nur Musiker aussuchte, die bereits verstorben sind, erklärt sich da von selbst. Und auch das Zusammenspiel mit der „Cemeteries“-Serie ist so noch reizvoller.

Anton Corbijn, The Living and the Dead, Bucerius Kunst Forum, Hamburg
Peace! Für „a. somebody“ schlüpfte Corbijn in die Rolle seiner Idole © Ulrich Perrey/Bucerius Kunst Forum

Faszinierendes Spannungsfeld

„a. somebody“ hat aber auch einen ganz eigenen Kontrast zu bieten. Denn alle Fotos, die Corbijn in der Natur und der Umgebung von Strijen von sich machte, stellte er einige Zeit später in der sterilen Atmosphäre eines Studios noch einmal nach. Was für eine andere Wirkung die Bilder doch plötzlich bekommen! Auf den ersten Fotos sind Leben und Gefühle quasi omnipräsent. Obwohl die gezeigten Personen gefaked sind, könnten sie authentischer und wahrhaftiger gar nicht sein. Die Studiofotografien indes sind waschechte Kunstprodukte. Sie leben von ihrer Intellektualität, nicht von einem im Betrachter ausgelösten Bauchgefühl. Ein wirklich faszinierendes Spannungsfeld, das Anton Corbijn da geschaffen hat.

Und ja, seine Musikerporträts sind alle wertvoll und tatsächlich auch künstlerisch. Der eigentliche Kunstwert Corbijns zeigt sich dann aber im Obergeschoss bei den freien Arbeiten des Fotografen mit aller Macht. Fantastisch! „Anton Corbijn. The Living and the Dead“ läuft noch bis zum 6. Januar 2019 im Bucerius Kunst Forum. Auf deren Website findet ihr alle weiteren Infos. Kleiner Tipp: montags bezahlt ihr regulär nur sechs statt zehn Euro Eintritt. 😉

Bildnachweis Titelfoto: © Ulrich Perrey/Bucerius Kunst Forum

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Xeniana sagt:

    Spannende Eingangsfrage, die ich mir bisher immer nur andersherum gestellt habe. Ein toller Beitrag, der mein Interesse geweckt hat diese Ausstellung zu sehen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Elbgängerin sagt:

      So unterschiedliche ist eben die Betrachtung- und Herangehensweise an Kunst, was es ja letztlich so spannend macht, wie ich finde. Wenn ich jetzt dein Interesse geweckt habe, umso besser. 🙂 Ich bin mal gespannt, wie dir die Ausstellung gefällt! 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Toll und ausführlich beschrieben. Inhaltlich bin ich bei dir 😉

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