Ausstellung „68. Pop und Protest“ im MKG Hamburg

Kaum ein Jahr war politisch, musikalisch, künstlerisch und natürlich gesellschaftlich derart ereignisreich wie das Jahr 1968. Und zwar weltweit. Mit etwa 200 Exponaten gelingt es dem Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in Hamburg, den Zeitgeist dieses Jahres einzufangen und zu vermitteln.

Ausstellung, 68, Pop und Protest, MKG, Hamburg, Michaela Hille
Die großen Leinwände ziehen einen förmlich in den politischen Protest auf der Straße © MKG/MIchaela Hille

Revolte. Auf der Straße, an den Universitäten, in der Kunst, auf der Bühne, in der Musik, der Mode oder im Design-Bereich. Das Jahr 1968 hat es echt in sich gehabt. Und zwar überall auf der Welt. Das einzufangen, ist wahrlich keine einfache Aufgabe. Vor allem, wenn der Platz begrenzt ist und letztlich „nur“ rund 200 Ausstellungsstücke zur Verfügung stehen. Aber das MKG wäre eben nicht das MKG, wenn es sich dieser Herausforderung nicht stellen würde – und sie natürlich auch meistert. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Schau „68. Pop und Protest“ wahnsinnig durchdacht und dementsprechend gut aufgebaut ist.

Direkt am Anfang wird man zum Beispiel von riesigen Leinwänden begrüßt, auf denen man beeindruckend nahbar den politischen Straßenprotest rund um den Globus dank bewegter Bilder miterleben kann. Alleine dort lohnt es sich schon, eine etwas längere Zeit zu verweilen. Je nachdem, wieviele andere Besucher in der Ausstellung sind, ist das mal mehr, mal weniger intensiv. Noch direkter kann man es aber haben, wenn man in den Hauptraum geht. Hier gibt es rechts und links am Eingang wahnsinnig viele Dokumente, durch die man stundenlang stöbern kann. Aber eben auch Fernseher und Kopfhörer. Direktkontakt mit dem Jahr 1968 sozusagen.

Ausstellung, 68, Pop und Protest, MKG, Hamburg, Michaela Hille
Natürlich dürfen auch ein paar psychedelische Bilder nicht fehlen … ©MKG/Michaela Hille

Bühnentumulte und Fernsehkult

Während links eher die politischen Debatten und Interviews verfolgt werden können, ist die rechte Seite dem Theater gewidmet. Mich persönlich hat es als Theaterkind dort natürlich zuerst hin verschlagen. Gerade in den 60er-Jahren war das Theater ja sehr politisch. Die Jüngeren sagten dem bildungsbürgerlichen Establishment den Kampf an: in Jeans zur Premiere, nix von wegen schick machen. Und Sekt wird schon mal gar nicht geschlürft! Lieber wird die Bühne selbst für den Protest geentert. Wie zum Beispiel vor der Uraufführung von Hans Werner Henzes Oratorium „Floß der Medusa“. Den Tumult kann man dank Audio-Mitschnitt beeindruckend nachverfolgen.

Weiter hinten in dem Hauptraum findet man viel Design und und und. Es würde zu weit führen, jetzt jeden einzelnen Unterbereich genau unter die Lupe zu nehmen, denn schließlich hat die Ausstellung noch mehr Räume, die thematisch untergliedert sind. Zum Beispiel in einen kleinen „Medienraum“. Denn 1968 war schließlich auch das Jahr, in dem die Konsumgesellschaft so richtig Fahrt aufnahm. Neben Werbespots von Kultmarken kann man da zum Beispiel auch in die Welt von „Barbarella“ eintauchen, während neben einem die Lavalampen fröhlich leuchtend blubbern. Herrlich!

Ausstellung, 68, Pop und Protest, MKG, Hamburg, Michaela Hille
Mediale Kultfiguren aus den 60er-Jahren sind in der Ausstellung auch präsent ©MKG/Michaela Hille

Die Farben der 60er-Jahre

Design in all seiner Vielfalt begegnet einem im nächsten Raum. Ob nun Mode, Stühle, Technik – da ist alles vertreten. Bunt, quietschig und für dürre Körper konzipiert. Da werden eigene Abnehmpläne irgendwie gleich relevanter, denn die Klamotten sind echt schick gewesen. Und passen meiner Meinung nach auch verdammt gut in unsere Zeit! Bevor wir jetzt aber in meinen Lieblingsraum gehen, machen wir noch einen kleinen Abstecher in die Spiegel-Kantine von Verner Panton. Eben jene wurde 1968 vom Spiegel-Verlag beim dänischen Designer in Auftrag gegeben, war jahrzehntelang Kult und wurde eben nicht verschrottet, sondern ist jetzt als Dauerexponat im MKG zu sehen – und ist hervorragend in die Ausstellung integriert. Grell und poppig und fürs Auge unheimlich fordernd. So würde ich die Kantine beschreiben. Zugleich ist es da aber auch urgemütlich. Keine Ahnung, wie Panton das damals hinbekommen hat!

Und nun: der Musikraum! Weg mit der Schlageridylle und her mit dem Paradigmenwechsel in der Unterhaltungsmusik! Psychedelic Rock und Hippies beherrschen hier die Ausstellung. Jefferson Airplane! The Who! Und natürlich immer wieder Jimi Hendrix! Auf einer großen Leinwand kann man von einer kissenbestückten Lümmelwiese aus ihm dabei zusehen, wie er 1967 beim Monterey Pop Festival seine Gitarre anzündete. Oder man guckt sich die ganzen Poster und Plattencover an. Oder man hört einfach mal rein in die Musik der späten 60er-Jahre. Es gibt nämlich genügend Beispiele, die man sich über Kopfhörer reinziehen kann.

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Die legendäre Spiegel-Kantine von Verner Panton ©Michael Bernhardi/Spiegel Verlag, 2011

„68. Pop und Protest“ im MKG lohnt sich sehr

Ich hätte ja gedacht, dass mich die Bereiche Politik und Theater am meisten fesseln würden. Pustekuchen. Ja, die Exponate da sind grandios und gehen unter die Haut. Aber der Musikraum hat Feuer in meinem Herzen entfacht. Ich war jetzt schon ein paar Mal in der Ausstellung. Einfach, weil man bei einem einzigen Besuch gar nicht alles detailliert wahrnehmen kann und das Hirn auch irgendwann voll ist und keine neuen Eindrücke mehr aufnehmen kann. So entdecke ich jedes Mal etwas Neues. Trotzdem verbringe ich die meiste Zeit in dem Musikraum. Immer wieder. Musikalisch war das genau meine Zeit. *schwärm*

Die Ausstellung „68. Pop und Protest“ läuft noch bis zum 17. März 2019. Auf der Museums-Website findet ihr alle weiteren Informationen. Ich kann euch die Schau echt nur ans Herz legen. Und nehmt euch Zeit mit, damit ihr in Ruhe auf stöbern und entdecken könnt!

Bildnachweis Titelfoto: Twiggy – aufgenommen von Ronald Traeger ©MKG/Tessa Traeger

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