„Westend“ von Moritz Rinke an den Hamburger Kammerspielen

Knapp einen Monat nach der Uraufführung am Deutschen Theater Berlin ist Moritz Rinkes neues Beziehungsstück „Westend“ jetzt auch in Hamburg auf der Bühne zu sehen – nur eben in einer anderen Inszenierung. 

Theater, Hamburger Kammerspiele, Moritz Rinke, Westend, Bo Lahola
Eine Frau, zwei Männer – eine unglückliche Liebeskonstellation ©Hamburger Kammerspiele/Bo Lahola

Ach ja, der Mensch! Was ist er doch für ein selbstgefälliges, egoistisches und stark von seinen Trieben geleitetes Wesen! Der Mensch verliebt sich, der Mensch begehrt. Nicht immer die ursprüngliche Liebe, aber was soll’s. Vögeln kann man ja trotzdem. Möge die Beziehungskatastrophe halt irgendwann und irgendwie kommen. Ganz so lapidar geht es auf der Bühne meist nicht zu, wenn es um Egoismus, Liebe und Triebe innerhalb und außerhalb von Beziehungen geht. Da offenbart die oberflächliche Fassade oft schnell morastdurchzogene Charakterabgründe der einzelnen Figuren. Zumindest, wenn man sich die Beziehungsbetrügereien von Dramatikern wie Yasmina Reza oder Marius von Mayenburg anschaut.

Bei Moritz Rinkes Stück „Westend“ blitzen diese Abgründe nur bedingt hier und da mal hervor. Er stürzt sich eher auf die unterhaltsame Seite des flotten Betrugsreigens. Zwar sollen Goethes „Wahlverwandtschaften“, die Rinkes Figuren ihre Namen leihen mussten, sowie Haydns „Schöpfung“ etwas mehr Substanz liefern, was in Hamburg aber nicht so ganz zum Tragen kommt. Denn Regisseur Carlo Ljubek lässt anfangs zwar aus den „Wahlverwandtenschaften“ vorlesen und Haydn entweder von einem ollen Plattenspieler dudeln oder per Spieluhr handkurbeln, aber irgendwie spielen beide Komponenten, die ja eh schon ein wenig dürftig reingearbeitet wurden, in der Inszenierung an den Hamburger Kammerspielen dann so gar keine Rolle mehr. Was ein wenig schade, aber wohl nicht vermeidbar ist, wenn das Stück eben nur eine Stunde und vierzig Minuten (ohne Pause) dauert statt drei Stunden und zehn Minuten (mit Pause) wie in der Berliner Inszenierung von Stephan Kimmig, die ja nun auch mal die Uraufführung dieses Beziehungsreigen war.

Theater, Hamburger Kammerspiele, Moritz Rinke, Westend, Bo Lahola
Eduard und Charlotte in Liebe vereint … ©Hamburger Kammerspiele/Bo Lahola

Beziehungskuddelmuddel in den Hamburger Kammerspielen

Apropos Beziehung. Da hätten wir also das Pärchen Charlotte und Eduard, die noch gar nicht soooo lange verheiratet sind, die ihre Beziehungsleere aber bereits jetzt mit einer großen Villa im Berliner Westend füllen. Wobei die Villa aber noch ebenso leer ist, wie halt das Innere der Besitzer. Statt den öden Raum mit Dingen vollzustopfen, wie es sich für gut verdienende (sie: Sängerin, er: Schönheitschirurg) Wohlstandsverwahrloste gehört, machen sie sich die Bude lieber mit Menschen voll. Also mit Michael, der als Arzt in Krisengebieten den Terror der Welt vor allem bombenzerfetzten Kindern wegamputierte (was diese übrigens nicht überlebten), der mit Eduards Schwester verheiratet war, aber eigentlich schon immer Charlotte liebte und mit ihr auch was hatte. Denn Charlotte nahm Eduard eigentlich nur, weil Michael sie nicht final wollte. Klingt jetzt nicht nach der großer Liebe. Trotzdem stört sich Charlotte daran, dass Eduard etwas mit der blutjungen Nachbarstochter Lilly anfängt, die ebenso in die Villa einzieht. Wobei auch Lilly und Michael zusammen im Opiumrausch und mehr landen. Und dann ist da ja auch noch Lillys Vater samt Liebchen, die gen Ende hin auch noch mitmischen. Munter werden da die Lebensnarben gezeigt, aus denen so niemand seine Lehren ziehen mag, sondern lieber weiter dem triebgesteuerten Egoismus frönt. Bis sie am Ende alle etwas ratlos dastehen, nachdem sie wenigstens mal rudimentär ehrlich zueinander waren.

Das wirkt alles ein wenig hohl und selbstgefällig, woran leider auch die grandiose Schauspielerriege nichts ändern kann. Denn hier tummeln sich Fernseh- und Kinogesichter auf der Bühne. Ob nun Katharina Wackernagel (u.a. „Das Wunder von Bern“ und „Contagan“) als abgeklärte Charlotte, Stephan Kampwirth (u.a. „Lerchenberg“ und immer wieder „Tatort“) als lebensverzweifelter Eduard, Benjamin Sadler (u.a. die „Wendy“-Filme, „Schuld“, „Contagan“ und auch diverse „Tatorte“) als Daueraußenseiter Michael oder Stephan Schad (u.a. „Unter Feinden“ und gaaaaanz viele „Tatorte“) als Egoekel und Lillys Vater, der letztlich ob des Leids seiner Tochter selbst zu wimmern anfängt.

… wenn Eduard nicht eben mit der blutjungen Lilly rummacht ©Hamburger Kammerspiele/Bo Lahola

Rinkes „Westend“ und der musikalische Boulevardreigen

Sie alle sind grandios, verleihen ihren Rollen Profil und viel mehr Leben als wohl vorgesehen ist, können aber trotz eines mal mehr, mal weniger intensiven Spiels nichts daran ändern, dass die Inszenierung von Carlo Ljubek im kargen Bühnenbild (ein paar weiße Podeste, auf denen sich alle ständig und immer irgendwie tummeln müssen, wenn sie nicht gerade ihren Auftritt an der Rampe haben) konsequent Spannung verliert, sobald diese dank der Schauspielerleistung überhaupt aufkommen darf. Den ruhigen, den stillen, den intensiven Momenten, die mir immer wieder die Hoffnung gegeben haben, dass der gestrige Premierenabend vielleicht doch noch etwas mehr Tiefgang bekommt, folgten unweigerlich Unterhaltungsmusikblödeleinummern mit sinnlos überaktiven Störelementen. Rumwirbelnde Beine und Konfettiwerferei provozieren zwar den schnellen Lacher im Publikum, sind für Charaktertiefe aber eher hinderlich.

Was ein intensives Beziehungsabgrundstück hätte werden können, dümpelt so recht seicht als leichtere Unterhaltung knapp zwei Stunden auf der Bühne herum. Was nicht schlimm ist. Dem Publikum hat’s schließlich gefallen. Kaum jemand, der bei der Premiere nicht begeistert geklatscht hätte. In mir allerdings blieb leider einer gewisse Theaterleere zurück, die etwas unbefriedigend war. Was aber vor allem daran liegen mag, dass ich den innwendigen Beziehungsmetzeleien einer Yasmina Reza wesentlich mehr abgewinnen kann. Vor allem, wenn diese auch noch hermetisch und intensiv auf die Bühne gezwungen werden. Wer aber gerne mit Leichtigkeit in den Abgrund guckt, um diesen besser ertragen zu können, der ist bei Moritz Rinke gut aufgehoben. Und damit auch in den Hamburger Kammerspielen.

„Westend“ läuft noch bis zum 17. Februar in den Hamburger Kammerspielen. Infos zum Stück, genaue Termine sowie Karten findet ihr auf der Website des Theaters.

Nachweis Titelbild: © Hamburger Kammerspiele/Bo Lahola

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