Hamburg, deine Lichter

Eine leuchtende Liebeserklärung.

Sie schimmern in den Pfützen, leuchten verschwommen durch den Sprühregen in die Dunkelheit hinein. Deine Lichter, Hamburg, verzaubern mich. Sie weisen mir den Weg durch den dunklen Park. Geleitet von ihrem Schein, gehe ich die finstere Gasse entlang, erfreue mich am Licht, statt mich zu ängstigen. Deine Lichter, Hamburg, ersetzen die sternenlose Nacht. Ursache und Wirkung. Doch das ist egal. Mein Herz füllt sich auch bei der Lichtkünstlichkeit mit Freude. Meine Seele lächelt im Schein des Straßenlaternenlichts.

Im frühen Morgengrauen, wenn die Großstadtwelt noch im Halbschlaf ist, fallen die Lichter der U- und S-Bahnen besonders auf. Autos rauschen weiß-rot leuchtend an mir vorbei. Ich entschleunige bewusst bei ihrer grellbrummenden Beschleunigung. Rote Ampeln leuchten mir eine kurze Pause im geschäftigen Treiben entgegen. Einatmen. Ausatmen. Weitergehen. Auf den Straßen regiert der Rhythmus des Lichts. Deines Lichts, Hamburg. Lauter kleine Lichtorganismen bündeln sich im Feierabendverkehr zu einer großleuchtenden Masse. Erkennt man deren Schönheit, kann man den Lärm, den sie verursacht, träumend ignorieren.

Lichter, Hamburg, Elbgängerin
©Free-Photos/Pixabay

Am Domplatz leuchten die Lichtklötze. Noch verweilt hier niemand. Es ist zu früh. Und noch zu kalt. Erst im schnöden Tageslicht, wenn die Sonne mit ihren Strahlen nachhilft, bevölkern Menschen diesen Platz, nutzen die Lichtklötze, die rabiat durch die natürliche Helligkeit zum Schweigen gebracht wurden, als Sitzgelegenheit. Aus Kunst ist Alltag geworden.

Grelles Neonlicht empfängt mich im Fahrstuhl, macht mich wach. Weiches Arbeitslicht umhüllt mich. Vom öffentlichen Auge ungesehen, genieße ich auch diese deine Lichtfacetten, Hamburg. Bis du mich wieder raus auf die Straße treibst, wo ich neben der weiß-roten Autolichtschlange durch mein Leben balanciere, mal hier, mal da einen Schatten werfe und es kaum erwarten kann, bis wieder Dom ist und die bunten Lichter den Kiez anblinken. Weil der Dom in seiner farbenfrohen Künstlichkeit ein Großstadtmärchen zu erzählen weiß. Den Mythos über die Unbeschwertheit eines Kirmeslebens.

Lichter, Hamburg, Elbgängerin
©ariellefisch/Pixabay

Die Neonschilder der Reeperbahn lassen meine Hautpigmente aufflackern. Weiße Menschen, gelbe Menschen, schwarze Menschen, braune Menschen. Wir alle sind gleich hässlich, wenn wir uns unter den blinkenden Sexverlockungen der Großen Freiheit durchs Leben ducken. Was wir aber erst merken, wenn wir Zuhause sind. Bunte Lichter versprechen Freiheit. Freiheit gibt Hoffnung. Auf dem Kiez kann deswegen so manche Seele heilen. Deine Lichter sind wie eine Therapie, Hamburg.

Jetzt weichen sie nach und nach, machen immer schneller dem Tageslicht Platz. Deine Lichter, Hamburg, gehen früher und kommen später. Die unbequeme Winterwahrheit muss nicht mehr schöngefärbt werden. Hoffnung strahlt fortan die Sonne aus. Und ab. Doch deine Lichter sind nicht vergessen. Sie verfreundlichen die Dunkelheit, geben Sicherheit, Orientierung. Und machen die naiven Träume aus dem Innersten der Nachtwandlerseelen sichtbar. Danke für deine Lichter, Hamburg.

Nachweis Titelbild: ©brunoming/Pixabay

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